Lexikon der Filmbegriffe

Erzählsituation

Stanzel unterscheidet drei grundlegend unterschiedliche Erzählsituationen: (1) Ich-Erzählsituation: Der Erzähler gehört zur Welt der Romancharaktere, das Erzählen findet so in der fiktionalen Welt der Charaktere statt bzw. wendet sich aus der erzählten Welt an den Leser. Der Vermittlungsvorgang erfolgt aus einer Binnenperspektive. (2) Auktoriale Erzählsituation: Basiert auf der Distanzierung des persönlich anwesenden und expliziten Erzählers von der erzählten Welt. Der Erzähler manifestiert sich in Kommentaren, Einmischungen, Ironisierungen etc. Der Erzähler steht außerhalb der erzählten Welt, der Vermittlungsvorgang erfolgt entsprechend aus einer Außenperspektive. (3) Personale Erzählsituation: Der Erzähler tritt vollständig hinter die Charaktere des Romans zurück, verzichtet auf Einmischungen, er suggeriert Unmittelbarkeit. An die Stelle des expliziten, vermittelnden Erzählers tritt ein Reflektor (oder ‚personales Medium‘), eine Romanfigur, deren Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen etc. der Leser erfährt. Der Leser blickt quasi mit den Augen der Reflektorfigur auf die Charaktere des Romans und es entsteht so der Eindruck einer unmittelbaren, intradiegetisch perspektivierten Darstellung.
Eine Übertragung des Modells auf den Film ist risikoreich. Insbesondere der dritte Typus lässt sich nur äußerst vermittelt filmisch darstellen. Darum auch hat sich Stanzels Klassifizierung der Erzählperspektiven in der Filmanalyse nie durchsetzen können.

Literatur: Stanzel, Franz K.: Typische Formen des Romans. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1964. – Ds.: Theorie des Erzählens. 4. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1989.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HJW


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