Lexikon der Filmbegriffe

Arbeiterfilm

engl. manchmal: proletarian films

Genre, das die Situation der Arbeiterklasse von innen zeigen will. Die Figuren bewegen sich in einer Lebenswelt, die als eine ökonomisch, sozial und kulturell spezifische und sich gegen die bürgerliche und kleinbürgerliche Alltagswelt abgrenzende begriffen wird. Dieser Anspruch sowie das Bestreben nach Authentizität machen viele Arbeiterfilme zu Milieustudien, die vom Publikum häufig eine intensive Vertrautheit mit der Wirklichkeit verlangen. Oft stammen Filmemacher und Schauspieler selbst aus der Arbeiterschicht und stehen politisch der Sozialdemokratie, dem Sozialismus oder dem Kommunismus nahe. Der Arbeiterfilm ändert seinen Tonfall in dem Maß, in dem sich die Situation der Arbeiter historisch verändert: Der „Proletarierfilm“ der 1920er und 1930er Jahre zielt auf Anklage, Systemkritik und Agitation; andere verfuhren allgemein humanitär (wie einige Produktionen des Neorealismus, z.B. Riso Amaro, Italien 1949, Giuseppe de Santis).
Der deutsche „Arbeiterfilm“ der 1920er Jahre entsprang der linken Kritik an der beherrschenden Stellung der Ufa am deutschen Filmmarkt. Der erfolgreiche Verleih russischer Revolutionsfilme führte zur Gründung der Prometheus-Film, die Filme wie Eins + Eins = Drei (1927, Béla Balázs), Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929, Piel Jutzi) oder Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt (1932, Slatan Dudow) produzierte. In diese Tradition gliederten sich einige DDR-Filme ein (zu ihnen rechnet Dudows Stärker als die Nacht, 1954). Insbesondere versuchten aber Filmemacher der BRD wie Rainer Werner Fassbinder, Christian Ziewer und Helke Sander den Arbeiterfilm neu zu beleben (in Produktionen wie den Filmen der „Berliner Schule“ oder Fernsehserien wie Fassbinders Acht Stunden sind kein Tag, 1972).
Heute sind die Probleme von (Fremd-)Arbeitern und Arbeiterinnen oft gleichzeitig Minoritätsprobleme, die eng mit den Schwierigkeiten eines Kulturkontrasts verwoben sind. Allen gemeinsam ist aber das bittere Bewusstsein ungerechter Klassenverhältnisse. 

Literatur: Collins, Richard: WDR and the Arbeiterfilm. London: BFI Publishing 1981. – Jones, Stephen G.: The British Labour movement and film, 1918-1939. London [...]: Routledge & Paul 1987. – Kinter, Jürgen: Arbeiterbewegung und Film (1895-1933). Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiter- und Alltagskultur und der gewerkschaftlichen sozialdemokratischen Kultur- und Medienarbeit. Hamburg: MPZ 1986. – Murray, Bruce: Film and the German left in the Weimar Republic – from Caligari to Kuhle Wampe. Austin: University of Texas Press 1990. – Stead, Peter: Film and the working class. The feature film in British and American society. London [...]: Routledge 1989.
 

Referenzen:

Berliner Schule

Prometheus-Film-GmbH


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB JH


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