Lexikon der Filmbegriffe

Drittes Kino I: Programmatik

Aus den revolutionären antikolonialistischen Freiheitsbewegungen der späten 1960er Jahre hervorgegangenes politisches Filmkonzept, entwickelt zur Information, Bewusstseinserweiterung und Mobilisierung der unterdrückten Bevölkerungen der Staaten der Dritten Welt gegen die korrupten Regimes des Kolonialismus und die Marionettenregimes des Neokolonialismus. Das Dritte Kino versteht sich bis heute als Antwort auf – und unabdingbare Alternative gegen – die bereits bestehenden dominanten Filmformen: gegen das „erste Kino“, das global verbreitete industrielle Unterhaltungskino nach Hollywood-Muster, basierend auf der Illusionsfunktion von Spektakel und narrativem Realismus und dem Konzept des konsumierenden Publikums, dessen kollektive Teilnahme an konkreten politisch-geschichtlichen Zusammenhängen ersetzt wird durch die fiktive Heroik des Individualprotagonisten, und gegen das „zweite Kino“, ein ebenfalls global verbreitetes Kunst- und Autorenkino, das sich als Resultat des kompromisslosen Schaffensprozesses des hochindividuellen Filmkünstlers sieht und dessen Kunstanspruch oft mit Sozialkritik einhergeht oder diese noch überragt, dessen oft progressiv-liberale oder humanistische Systemkritik jedoch trotzdem von vielen Regimen wegen ihrer Alibifunktion mehr oder weniger geduldet wird. Diesen Formen setzt das Dritte Kino radikalkritische Agitationsfilme von großer Formenvielfalt entgegen, die kollektiv produziert sind oder zumindest ihr Publikum zum kollektiven Denken mobilisieren, die weiterhin dem System so fremd sind, dass es sie nicht assimilieren kann und die das System direkt und ausdrücklich bekämpfen.
Der Begriff wurde erstmals im März 1969 in einem Interview benutzt, das Mitglieder der argentinischen Politfilmgruppe Cine Liberación dem kubanischen Filmmagazin Cine Cubano gaben. Im gleichen Jahr schrieben Fernando Solanas und Octavio Getino, die Schlüsselfiguren der Gruppe, den Artikel „Hacia un Terce Cine“ (Für ein Drittes Kino), das zum Manifest der Bewegung wurde. Es war von Marxismus und Maoismus beeinflusst und legte Ziele und Praktiken des „Dritten Kinos“ dar, wie die Aufhebung der Trennung von Kunst und Alltag und intellektueller Elite und Volksmassen sowie die Verankerung der filmischen Darstellung in politischer Realität und sozialer Praxis (erzielt durch die breite Beteiligung der Bevölkerung am Filmschaffen). 

Literatur: Getino, Octavio: Some Notes on the Concept of a "Third Cinema" [1984]; Solanas, Fernando / Getino, Octavio: Towards an Imperfect Cinema: Notes and Experiences for the Development of a Cinema of Liberation in the Third World [1969]. Beides in: New Latin American Cinema. 1. Hrsg. v. Michael T. Martin. Detroit: Wayne State University Press 1997, S. 33-58. – Stam, Robert: Hour of the Furnaces and the Two Avant Gardes. In: Millenium Film Journal 2,7-9, 1980-81, S. 151-164. – Stam, Robert: Film Theory: An Introduction. Oxford: Blackwell 2000.
 

Referenzen:

Group Dziga Vertov

imperfektes Kino

Revolutionsfilm

Third Cinema


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: RG


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