Lexikon der Filmbegriffe

Drittes Kino III: Postkolonialismus

Während schon die klassischen Befreiungsaufrufe (Aimé Césaire, Discours sur le colonialisme, 1955; Frantz Fanon, Les damnés de la terre, 1961; Albert Memmi, Portrait du colonisé précédé du portrait du colonisateur, 1965; Eduardo Galeano, Las venas abiertas de America Latina, 1971) von Anfang an die Ebene der Darstellung (Bild und Eigenbild von Kolonialherren, Kolonisierten, und der gesamten Kolonialsituation) als Schlüssel kolonialer Machtbehauptung identifizierten, baute eine zweite Welle von Texten auf den dezentralisierenden, anti-eurozentrischen Argumenten des Poststrukturalismus auf (insbesondere des Philosophen Jaques Derrida, der wie Louis Althusser und Hélène Cixous aus Algerien stammt, und Michel Foucault, der in Tunesien lehrte). Zentral ist auch Teshome Gabriels Historisierung des Dritten Kinos innerhalb einer Dreiphasentheorie: Assimilierung der Filme des ersten Kinos; Beginn des Entkolonialisierungsprozesses durch zweites Kino; aktiver Widerstand durch drittes Kino (Third Cinema in the Third World: The Aesthetics of Liberation, 1982). Gabriels Analyse von Littins Acta general de Chile (1982) demonstriert, dass der Einzelkünstler durch die Mobilisierung von Folklore und kollektivem Erinnerungsgut sehr wohl Kollektivprozesse mobilisieren kann. Der Film verknüpft einer Vielzahl subjektiver Erinnerungen an die blutige Machtergreifung Pinochets, wodurch er Gabriel zufolge eine radikal anti-individuelle (und daher nichtwestliche) Subjektivität konstruiert, die Relativität der Aussagen und Eindrücke einer hierarchischen Ordnung vorzieht, und sozialen Raum nicht als individuell-transzendental sondern als kollektiv darstellt.
Nach der Bestandsaufnahme der Debatten um ein Drittes Kino auf einer Konferenz in Edinburgh 1986 haben sich die Problematik von Minderheiten innerhalb anderer postkolonialer Minderheiten sowie die besonderen Probleme, die sich Diaspora-Minderheiten in Ländern der ersten Welt stellen, als neue Themen des Dritte-Welt-Kinos herausgebildet. Beide Bereiche wurden besonders markant kombiniert in The Passion of Remembrance (Großbritannien 1985), ein Beitrag des Medienkollektivs Sankofa, der die Verbindungen von Sexismus, Homophobie, traditionellem Kulturstolz und Assimilierung analysiert und dem als Gegenreaktion prompt Eurozentrismus, Formalismus und avantgardistische Verklärung des Konzepts von Gemeinschaft (community) vorgeworfen wurde. Weitere Beispiele dieser transnationalen, postmodernen Richtung des Dritten Kinos sind Tongues Untied und andere Videos des Amerikaners Marlon Riggs sowie die Videos der australischen Aborigine-Künstlerin Tracy Moffat (Nice Colored Girls, Night Cries, Lips) und der britisch-indischen Videomacherin Prathiba Parma (Khush, Chutney Popcorn). 

Literatur: Chanan, Michael: The Changing Geography of Third Cinema. In: Screen 38,4, 1997, S. 372-388.
 

Referenzen:

post-colonial studies

Postkolonialismus


Artikel zuletzt geändert am 17.01.2012


Verfasser: RG


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