Lexikon der Filmbegriffe

Eisenbahn im Film

Von Beginn an – seit die Gebrüder Lumière 1895 L’Arrivée d‘un train à la Ciotat gefilmt hatten – standen die Eisenbahn und das Kino in einer bedeutsamen Beziehung zueinander. Beide wurden als Wahrzeichen und Verkörperung der modernen Bewegung im Raum und des Fortschritts in der Zeit angesehen und besonders in der jungen Sowjetunion als Sinnbilder für die Dynamik der Revolution enthusiastisch gefeiert. Die Affinitäten von Eisenbahn und Film gehen aber tiefer: So ähnelt der Blick durch die Kamera während der Fahrt dem Blick durch das Abteilfenster; gerade in der Frühzeit bot das Kino eigene Bahnfahrten – die phantom rides– an, wobei die Kamera direkt auf der Lokomotive montiert war und dem Publikum so die Möglichkeit eröffnete, Kenntnis von fernen Weltgegenden zu erlangen. Dramaturgisch bietet das Abteil eine ideale Kleinbühne, auf der man in relativer Abgeschlossenheit und mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins an Geschwindigkeit und Ort oft zwangsweise mit Fremden kommunizieren muss. Der Bahnhof schließlich als soziale Großbühne sei erwähnt, auf der die unterschiedlichsten sozialen Schichten mit divergenten Verhaltensweisen und Interessen vertreten sind.
Aus der Grundsituation des Eisenbahnfahrens kann der Film eine ganze Typologie von Motiven und Genres entfalten: von Kraft-und-Technik-Glorifizierung (Das Stahltier, 1934/35, Willy Zielke) und Berufs-Beschreibungen (Wallers letzter Gang, BRD 1988, Christian Wagner) über metaphyische Beziehungsfilme (Rheingold, BRD 1977, Niklaus Schilling), Liebesgeschichten (Europa, aka: Zentropa, Dänemark 1991, Lars von Trier), lebensverändernde Kontakte (und Kontrakte) mit Fremden und Zwangsbekanntschaften (Strangers on a Train, USA 1951, Alfred Hitchcock) zu Eisenbahnthrillern (The Train, USA/Frankreich/Italien 1963, John Frankenheimer) und Krimis mit Morden (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974, Sidney Lumet); von Landnahme-Epen, Pionier-Opern und Armeefilm-Komödien (The General, USA 1926, Buster Keaton), Gefangenen- oder Vernichtungslager-Transporten über Fluchtgeschichten, Hobo/Tramp-Dramen bis zu Zugräubern (Die Gentlemen bitten zur Kasse, BRD 1966, John Olden/Claus Peter Witt; TV), rollender Epidemiegefahr und Atomterroristen; vom musical-ähnlichen Holzfällerwagon-Ballett (Dancer in the Dark, Dänemark/Schweden/Fionnland 2000, Lars von Trier) bis zum wildgewordenen bremsenlosen Zug ohne Lokführer auf dem Weg ins Nirgendwo (Runaway Train, USA 1985, Andrej Konchalovskij). Als kuriose (und auch beklemmende) Konterkarierung der Bahnreise dürfen jene Filme angesehen werden, die ihre Protagonisten mittels einer Draisine auf die Schiene schicken (The Railrodder, Kanada 1965, Gerald Potterton/Buster Keaton; Stalker, BRD/UdSSR 1979, Andrej Tarkovskij).

Literatur: Huntley, John: Railways in the cinema. Shepperton: Allan 1969; erw. Neuaufl. u.d.T.: Railways on the screen. Shepperton, Surrey: Allan 1993. – Jensen, Larry: The movie railroads. Burbank, Calif.: Darwin Publications 1981. – Kirby, Lynne: Parallel tracks: the railroad and silent cinema. Durham: Duke University Press 1997. – Meyer, Ulfilas (Hrsg.): Kino-Express. Die Eisenbahn in der Welt des Films. München/Luzern: Bucher 1985. – Filmografie: Biemann, Joachim: Eisenbahn im Film – Rail Movies. http://www.eisenbahn-im-film.de/.

Referenzen:

Bahnhöfe im Film

Phantom Rides


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK


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