Lexikon der Filmbegriffe

Kitsch / Kitschfilm I: Phänomenologie

auch: Kino-Kitsch, Kolportagefilm, Rührstück, Schmalzfilm, Schmonzette, Schnulze, kitsch comedy, kitsch-and-camp comedy, Weepie

Der über das Deutsche weitgehend zum internationalen Terminus gewordene Ausdruck Kitsch verweigert sich seit seiner Einführung für seriell hergestellte Kunstgewerbeartikel im deutschen Kunsthandel des späten 19. Jahrhunderts beharrlich einer stringenten Definition. So lassen sich nur wenige Merkmale anführen, die das Phänomen in einer allgemein akzeptierten Weise benennen, und gerade im Bereich des Films finden sich erstaunlich wenige Beispiele, die unwidersprochen als Kitschfilme oder Film-Kitsch bezeichnen werden können. Dem offenbar gelegentlich ihm selbst aufdrängenden Gefühl von Minderwertigkeit begegnet der gemeinhin als ‚kitschig‘ angesprochene Film durch Schaffung von ‚Mehrwert‘ im Sinne einer Effekt- und Affektakkumulation mittels struktureller Stereotypenhäufung, die mit gezeigten und beim Zuschauer intendierten Gefühlen gekoppelt werden: So erzwingt er die Anteilnahme des Zuschauers, indem er – wissend, dass der Kitsch eine „besondere Form der in der Massenkultur relevanten Kommunikationen“ ist – den Vorrat an stilistisch Bewährtem bis zur Distanzlosigkeit ausbeutet und, immer zutiefst wohlmeinend, Gefühlskonserven anlegt, die dem Prinzip der „Vorfertigung und Durchsetzung des Effekts“ (Eco) Geltung verschaffen. Kitsch, verstanden als ‚schlechter Geschmack‘ oder letztendlich ‚Pornografie der Gefühle‘, als Haltung, Pose, Abziehbild, Ware oder Signal, ist bis heute eine oft intuitiv gebrauchte Bewertungskategorie geblieben. Sicher gibt es Filme, die nach beinahe einhelliger Meinung Kitsch sind oder ihn repräsentieren – genannt werden in einschlägigen Werken die rührselige Sissy-Trilogie (1955-57) von Ernst Marischka, Heimat- und Bergfilme der 1950er und 1960er Jahre, Weichzeichnersoftsex à la David Hamiltons Bilitis (1977), international auch Disney-Produkte wie Schneewittchen und die Sieben Zwerge (1937) und das filmgewordene Kindchenschema von Bambi (1942). 

Literatur: Eco, Umberto: Die Struktur des schlechten Geschmacks [1964]. In: ders., Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag 1986, S. 59-115. – Kliche, Dieter: Kitsch. In: Ästhetische Grundbegriffe. Hrsg. v. Karheinz Barck [et al.]. Bd. 3. Stuttgart/Weimar: Metzler 2001, S. 272-288. – Mathy, Dietrich: Kitsch. In: Handbuch Populäre Kultur. Hrsg. v. Hans-Otto Hügel. Stuttgart/Weimar: Metzler 2003, S. 281-284.
 

Referenzen:

Camp

Klamotte

Melodrama of Excess

Pilcherisierung

Schinken

Schmalz

Schmonzette

Schnulze

Trivialfilm


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: LK


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