Lexikon der Filmbegriffe

Homosexualität / Homoerotik

Der Sexualitäts-Diskurs des Mainstream-Kinos ist durch die Relevanz semantischer Achsen geprägt: (1) ‚normal‘, ‚vertraut‘, ‚bekannt’ versus ‚abweichend‘, ‚fremd‘, ‚pervers’, (2) ‚öffentlich‘, ‚erlaubt‘, ‚legitim‘ versus ‚heimlich‘, ‚verboten‘, ‚tabuisiert‘, (3) ‚eigentlich‘, ‚unmittelbar‘, ‚körperlich-sinnlich‘ versus ‚zeichenhaft‘, ‚bedeutungstragend‘, ‚medialisiert‘, (4) ‚natürlich‘ versus ‚zivilisatorisch‘, ‚kulturell‘, (5) ‚latent‘ versus ‚manifest‘. Insofern Sexualität (6) mit der Leitdifferenz ‚weiblich‘ versus ‚männlich‘ koordiniert ist, ist sie generell auf den Bereich der sozialen Geschlechterrollen verlagert, er strukturiert und organisiert die filmische Auseinandersetzung mit Sexualität und vor allem mit ‚abweichender‘ Sexualität. Grundlegende Strategie ist die Konstruktion von Grenzen in den dargestellten Welten, der Aufbau von dem, was als ‚normal‘, was als ‚abweichend‘ zu gelten hat.
Für die Darstellung von Schwulen hat sich im Laufe der Filmgeschichte ein Merkmalsbündel herausgebildet: Der Schwule wird als Person auf seine Sexualität reduziert, ihm wird deren Realisierung gleichzeitig nicht zugestanden – er erscheint somit als doppelt defizitär. Typische narrative Modelle des Umgangs mit Homosexualität sind die Motive der ‚Ausgrenzung‘ und der ‚Re-Integration‘. In letzterem wird der ‚oberflächlich‘ Schwule einer Persönlichkeitsveränderung unterzogen, die ihn wieder zum ‚Normalen‘, der er eigentlich immer schon ist, werden lässt (analoges gilt für Lesben im Film, für die dieses Modell filmgeschichtlich sogar das dominante ist). Eine dritte Variante bildet die ‚Entgrenzung‘. Hier wird versucht, der gegebenen Grenzziehung zwischen ‚normal‘ und ‚abweichend‘ entgegenzuwirken, Konstruktionen von Grenzen also wieder zurückzunehmen oder die Entstehung von solchen Grenzen von vornherein zu verhindern. Dieses Motiv findet sich im Mainstream-Kino nach wie vor aber eher selten, zumal sich solche Strategien häufig als Pseudo-Entgrenzungen erweisen.
Eine eigenständige ‚schwule‘ oder ‚lesbische‘ Ästhetik (schwuler/lesbischer Filmemacher und Filmemacherinnen) findet sich in cineastischen oder intellektuellen Nischen, sie ist vom Mainstream-Kino aber strikt zu unterscheiden. Hier sind solche Einflüsse nach wie vor marginal.

Literatur: Ehrenstein, David: Open secret. Gay Hollywood, 1928-1998. New York: Morrow 1998. – Lang, Robert: Masculine interests. Homoerotics in Hollywood film. New York: Columbia University Press 2002. – Russo, Vito: Die schwule Traumfabrik. Homosexualität im Film. Berlin: Gmünder 1990. Orig.: The celluloid closet. Homosexuality in the movies. New York [...]: Harper & Row 1981. Mehrere Neuaufl.

Referenzen:

bear films

Coming-Out

drag / dragqueen

Dykesploitation

Homoerotik

Homosexualität und/im Film: Festivals

Hosenrolle

Queer Theory / Queer Studies

Queer Film Studies

Schwule

Travestie (1)

Travestie (2): Transvestismus

slash fiction


Artikel zuletzt geändert am 30.05.2012


Verfasser: HK


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