Lexikon der Filmbegriffe

Propagandafilm

Im Ersten Weltkrieg wurde das Medium Film auf allen Seiten zum ersten Mal bewusst als Propagandainstrument zur Meinungsbildung im Sinne der jeweils erklärten Kriegsziele eingesetzt. Man erkannte, dass sowohl die moralische Richtigkeit der eigenen Position öffentlich unterstrichen als auch ein ausgeprägtes Feindbild durch Dokumentar- und Spielfilme entwickelt werden musste. Mit dem Film The Battle Cry of Peace (1916) z.B. wurde die grundsätzlich deutschfreundliche Einstellung der Amerikaner binnen weniger Monate vernichtet und in Deutschlandhass umgepolt. Zu einer wirksamen Filmpropaganda kam es im Kaiserreich nicht, trotz der Gründung der Ufa im November 1917.
In den 1920er Jahren wird der Propagandafilm durch die Arbeiten von Harold Laswell theoretisch untermauert, z.B. in „The Theory of Political Propaganda“. Der Propagandafilm wurde als eine Filmform definiert, die offensichtlich oder verhüllt ideologische Ziele verfolge und die direkt auf eine Meinungsbildung im öffentlichen Leben der Bürger ziele. Doch nicht die Amerikaner, sondern die nach der Machtübergabe an die Faschisten im Dritten Reich zuständigen Filmmacher im Propagandaministerium erzielten die nächsten Erfolge im Propagandafilm. Mit Triumph des Willens (1935) und Olympia (1938) schuf Leni Riefenstahl eine neue Form des dokumentarischen Propagandafilms. Es folgten dokumentarische Kriegsfilme (Feuertaufe, 1940) und antisemitische Hetzfilme (Der ewige Jude, 1940). Doch auch die Spielfilme des Dritten Reichs verfolgten propagandistische Ziele, ob vordergründig (wie in Jud Süss, 1942) oder verdeckt (wie in Der Kaiser von Kalifornien, 1936). Auch im faschistischen Italien und in der kommunistischen Sowjetunion verfolgten die vom Staate finanzierten Filmproduktionen ideologische Ziele.
Mit dem Kriegseintritt der Amerikaner im Dezember 1941 begannen sowohl die staatlichen Instanzen (Why We Fight, 1942-45) als auch die privatwirtschaftlich organisierten Filmgesellschaften (The Hitler Gang, 1944) Propagandafilme zu drehen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Begriff Propagandafilm pejorativ besetzt. Dennoch gibt es zahlreiche Beispiele von Filmen (neuerdings auch vielen Videos), die Propagandaarbeit leisten wollen.

Literatur: Furhammar, Leif / Isaksson, Folke: Politik och film. Stockholm: PAN/Norstedt 1971. Dt.: Politik und Film. Ravensburg: Maier 1974. - Oppelt, Ulrike: Film und Propaganda im Ersten Weltkrieg: Propaganda als Medienrealität im Aktualitäten- und Dokumentarfilm. Stuttgart: Steiner 2002. – Pronay, Nicholas / Spring, D.W. (Eds.): Propaganda, politics and film, 1918-45. London: Macmillan 1982. – Reeves, Nicholas: The power of film propaganda: myth or reality? London: Cassell 1999. – Rosenbaum, Jonathan: Movies as politics. Berkeley, Calif.: University of California Press 1997.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JCH


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