Lexikon der Filmbegriffe

Zentrales / azentrales Imaginieren

In der Untersuchung der empathischen Prozesse muss unterschieden werden zwischen Gefühlsübernahme und Gefühlsverständnis – eine Unterscheidung, der im angelsächsischen Raum das Begriffspaar „central“ und „acentral imagining“ korrespondiert (im Anschluss an Richard Wollheim). Beim zentralen Imaginieren, der empathischen Einfühlung, versetzt sich der Zuschauer aus der Innenperspektive „an den Ort“ des Empathisierten, wiederholt dessen Gefühle in der Tat mehr oder weniger analog – wenn auch mit einer gewissen Distanz –, lacht mit der Figur, empört sich mit ihr. Beim azentralen Imaginieren dagegen genügt es, wenn der Zuschauer die beobachtete Regung richtig diagnostiziert, er braucht sie nicht selbst zu empfinden. Er denkt sich in die Figur ein, rekonstruiert kognitiv ihre Situation und versteht mithilfe dieser Rekonstruktion Motive und Reaktionen. Azentrale Imagination lässt sich sprachanalytisch als Aussage „X imaginiert, dass Y geschieht“ nachbilden; zentrale Imagination wäre dagegen von der im Deutschen kaum wiedergebbaren Form „X imaginiert Y-ing“ (etwa: „X stellt sich beim Vollzug von Y vor“).
Mit der oben skizzierten Unterscheidung sind noch nicht alle Zuschauergefühle vollständig erfasst. Denn neben dem emotionalen Verständnis und neben der Übernahme von Gefühlen kommt es zugleich zu eigenständigen affektiven Reaktionen der Zuschauer, die eine ganz andere Färbung beinhalten können: zum Beispiel Ekel statt Freude, Angst statt Erleichterung, weil wir vielleicht mehr wissen als die Figuren und ihre Lage anders einschätzen oder weil wir ihre moralischen Werte nicht teilen.

Literatur: Wollheim, Richard: On Art and the Mind. Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1974. – Ds.: The Thread of Life. Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1984.

Referenzen:

Empathie


Artikel zuletzt geändert am 02.03.2012


Verfasser: HJW


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