Lexikon der Filmbegriffe

Doppelbelichtung

engl. superimposition, manchmal auch technisch: double exposure; selten abgek.: super; frz. surimpression

Bei der Doppelbelichtung werden zwei Bilder auf das gleiche Negativ belichtet – sei es, dass man sie direkt in der Kamera belichtet, sei es, dass sie auf der optischen Bank oder erst im Kopierwerk zusammengefügt werden. Manchmal wird sie dazu benutzt, eine imaginierte oder magisch-mystische Fortführung der Situation darzustellen – wenn sich etwa der Körper eines Schlafenden erhebt und der überblendete Doppelgänger zu wandeln beginnt (oder in der gleichen Bildkomposition der Geist den Körper des Lebenden verlässt). Gerade die phantastischen Möglichkeiten der Doppelbelichtung wurden in der Frühzeit z.B. im schwedischen Kino der 1910er Jahre entwickelt und vielfach angewendet. Eine zweite Standardfunktion des Doppelbildes sind subjektive Bildvorstellungen: Manchmal werden z.B. Erinnerungen als Bildschicht visualisiert, die sich über den Erinnernden legt. Oft wird dabei das eine Bild als realistische Schicht des Bildes festgehalten, das andere erweist sich dagegen als subjektive oder irreale Imagination. Gerade die Transparenz des Bildes verleiht ihm einen irrealistischen Status, hebt ihn gar zu den oniristischen Phänomenen, zu Einbildungs- oder Möglichkeitsbildern oder auch zu (fotorealistischen) Bildern einer Realität, die rein geistig ist.
Im Hollywoodkino ist ein Typus der Hollywoodsequenz als Folge von Doppelbelichtungen ausgeführt.
Schon früh wurden auch symbolische Verhältnisse als Doppelbelichtungen realisiert. Einige Beispiele: In Abel Gance‘ Napoléon (1927) sehen wir Napoleon, der einen Globus umfängt, in den das Bild Joséphines einbelichtet ist – politische und sexuelle Begierde in ein Bild integrierend. In Jules et Jim (1961) findet sich eine Komposition, bei der eine Frauen-Stimme einen Liebes-Brief verliest, man sieht eine Großaufnahme der Schreiberin des Briefes und Luftaufnahmen, die einen schnellen Überflug über den Schwarzwald zeigen, wo sie mit dem Freund des Empfängers lebt. Eine sehr komplizierte Symbolisierung des Paares, deren beide Partner in Ehen gebunden sind, die sie nicht lösen können und das deshalb nicht zusammenkommen kann, findet sich in Yim-Hos Kitchen (1996): Man sieht das Paar in einem leeren Zimmer tanzend; es löst sich ein zweites Bild des Paares aus dem ersten, die beiden Paare tanzen in verschiedenen Bewegungen zur gleichen Musik, fügen sich wieder zusammen, so dass das Bild zwischen dem Eindruck des originären und des doppelbelichteten Bildes zu changieren beginnt. 

Bazin, André: The Life and Death of Superimposition. In: Film-Philosophy 6,1, 2002 (online); zuerst 1946 frz.; enth. in Bazins: Qu'est-ce que le cinema. 1. Paris: Editions du Cerf 1958, S. 22-30.
 

Referenzen:

Mehrfachbelichtung

Blende II: Ab-, Auf- und Überblendung


Artikel zuletzt geändert am 17.01.2012


Verfasser: HJW


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