Lexikon der Filmbegriffe

Mehrfachbelichtung

engl. multiple exposure

Eine der Stammformen des offenkundig synthetischen Bildes ist die Mehrfachbelichtung. Technisch werden dabei mehrere Bilder auf die gleiche Bildfläche belichtet, so dass eine Durchdringung und Überlagerung der einzelnen Bilder zu entstehen scheint. Der Effekt ist berückend, mehrfachbelichtete Bilder scheinen entrealisiert zu sein, einer „Anders-Zeit“ und „Anders-Realität“ zuzugehören. Es verwundert darum nicht, dass sie immer wieder in Traumsequenzen verwendet worden sind: So komponierte Guido Seeber graphisch komponierte Mehrfachbilder in den Träumen in Geheimnisse einer Seele (1926); oder der Kameramann Theo Nischwitz koordinierte auf der optischen Bank bis zu acht Einzelaufnahmen, die zu Traumsequenzen in Peter Pewas‘ Herbstgedanken (1950) wurden. Der Mehrfachbelichtungen eigene Realitätsmodus wird auch in Filmen wie Sam Peckinpahs Convoy (1973) genutzt, wenn mehrere Bilder mit gegenläufigen Bewegungsrichtungen die Trucks des Films zeigen, die eine Wüstenstrecke fahren und den eigentlichen Convoy damit erst konstituieren – die Szene ist verstärkend und den Schwebezustand akzentuierend mit Walzermusik unterlegt. Erinnert sei auch an Robert Altmans Images (1971), in dem die schizophrene Heldin eine Beischlafszene mit einem Nachbarn mit Bildern ihres Mannes und eines toten Liebhabers halluziniert – realisiert als schleichender Übergang zwischen den Männern, als gleichzeitige Präsenz verschiedener Gedankenpersonen. Ein Sonderfall sind Mehrfachbelichtungen, die die bekannten raffenden Hollywood-Sequenzen als Vielfachbilder realisieren; ein Beispiel ist Jekyll and Hyde (1940), in dem die Transformationen Jekylls zu Hyde Mehrfachbelichtungen sind, bei denen man lachende Frauengesichter – die die Vergnügungssucht Hydes symbolisieren – auf Instrumente aus dem chemischen Labor Jekylls überblendet hat.

Referenzen:

Doppelbelichtung

Mehrfachbild


Artikel zuletzt geändert am 08.02.2012


Verfasser: HJW


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