Lexikon der Filmbegriffe

Verfremdungseffekt

auch: V-Effekt; engl.: alienation effect, oft auch durch die verwandten Konzepte alienation oder defamiliarization wiedergegeben

Der von Bertolt Brecht gebrauchte Begriff des Verfremdungseffektes bezieht sich auf das wichtigste Wirkungsmodell des von ihm propagierten epischen Theaters. Er meint damit einen Darstellungsstil der kritischen Distanzierung, in dem es nicht um eine möglichst dichte Illusionierung des Zuschauers geht, sondern darum, die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Ablauf des Geschehens auf die Sinngebung des Geschehens, die Konventionen der Darstellung und die oft nur impliziten ideologischen Determinanten des Spiels zu lenken. Der Zuschauer soll das Verhalten der einzelnen Figuren mit einem gewissen Abstand kritisch beobachten und bewerten. Die Verfremdung der dramatischen Handlung wird durch eine ganze Reihe von Inszenierungsmitteln produziert – durch Kommentierung der Szenen (durch einen Erzähler, Figuren der Handlung oder andere), durch Heraustreten des Schauspielers aus seiner Rolle, durch eingeschobene Lieder und Songs, durch Spruchbänder, durch Besetzungsmodifikationen (Männerrollen werden durch Frauen gespielt u.ä.), Abstraktheit des Environments, Historisierung des Spiels durch authentisches Material usw.


Brechts Überlegungen zu einem aufklärerischen und reflexiven Theater wurden auch im Film vor allem der 1960er und 1970er Jahre massiv rezipiert. Filmemacher wie Godard oder Straub/Huillet führten in ihren Filmen immer wieder ästhetische Diskurse über die ideologischen, ästhetischen und ökonomischen Bedingungen des Filmemachens. Doch findet man Strategien der Verfremdung auch in Filmen etwa Ken Loachs, in dessen Land and Freedom (1995) die Diskussionen über die Landreform oder die Konfrontationen zwischen stalinistischen und anarchistischen Brigaden wie Theaterstücke im Brechtschen Stil in den ansonsten illusionierenden Stil der Darstellung eingelassen sind – gerade darin Aufmerksamkeit und Distanz organisierend.



Literatur: Brecht, Bertolt: Kleines Organon für das Theater. In: Gesammelte Werke. 16. Schriften zum Theater. 2. Frankfurt: Suhrkamp 1967, S. 661-708. – Gersch, Wolfgang: Film bei Brecht. Bertolt Brechts praktische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Film. München: Hanser 1976; zuerst Berlin [DDR]: Henschelverlag 1975. – Lellis, George: Bertolt Brecht, Cahiers du cinéma and Contemporary Film Theory. Ann Arbor: UMI Research Press 1982. – Walsh, Martin: The Brechtian Aspect of Radical Cinema. Edited by Keith M. Griffiths. London: British Film Institute 1981.
 

Referenzen:

ostranenie


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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