Lexikon der Filmbegriffe

Distanzierung

engl.: distantiation

In der Theatertheorie Brechts ist die Verfremdung das wichtigste formale Mittel der Inszenierung – dadurch sollte der Zuschauer daran gehindert werden, sich illusionierend-identifizierend in die dargestellte Welt zu verlieren, um ihn der Tatsache bewusst zu machen, dass er einer Fiktion beiwohnt, das Stück ihm die Wirklichkeit ideologisch und institutionell überformt und er als souveränes Subjekt dem Bühnengeschehen gegenüber- und nicht unterstellt ist. Mittels der so erreichten Distanzierung des Publikums sollte es politisiert werden. Dieses Interesse findet sich auf drei verschiedenen Ebenen auch im Film: (1) Auf der Ebene der visuellen und schauspielerischen Gestaltung dienen schnelle Schnitte, unmotivierte Übergänge, Jump Cuts, die unmittelbare Adressierung des Publikums, nicht-motivierte Zwischentitel u.ä. der Irritierung des Zuschauers, der keine ungestörte Illusionierung erleben soll; derartige Mittel finden sich vor allem im Avantgarde- und im politischen Kino. (2) Auf der Ebene der Erzählung werden narrative Konventionen übererfüllt (wie im Kino Godards) oder sie werden radikal untererfüllt (wie in Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1976); die Geschichte bricht aus der Konvention der „narrativen Relevanz“ aus, zwingt dem Zuschauer die Frage nach dem Grund der Erzählung auf. (3) Auf der Ebene der Akteure schließlich wird zum Zwecke der Distanzierung vom Ideal der optimal-realistischen Darstellung abgewichen, der Akteur macht ständig deutlich, dass er eine Rolle spielt, mit der er nicht identisch ist. Manchmal wird gar vom Ideal des Schauspielers selbst abgewichen, das Spiel wird von Laiendarstellern realisiert, die sich einem Illusionismus kaum unterwerfen können.
 

Referenzen:

Verfremdung


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: AS


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