Lexikon der Filmbegriffe

Groteske

von ital. grotta = Grotte

Der Begriff Groteske bezeichnete die Ornamente und Fabelwesen, die in den künstlichen Grotten der Antike angebracht waren. Schon in der Antike kam es zu Durchmischung menschlicher, tierischer und ornamentaler Formen und es entstanden Kreaturen am Rande des Fiebertraums, wie bereits Horaz vermerkte. Die groteske Darstellung war im Manierismus, im Fin de siècle, nach dem Ersten Weltkrieg, zuletzt im Punk eine dominierende Kunstform. Lange wurde sie mit der Melancholie in Verbindung gebracht, mit den Monstern, die der Schlaf der Vernunft gebiert. Das Groteske zeigt die Entfremdung der Welt in einem lauten, krassen und sexuellen Modus. Es setzt dem Gelächter aus, was auch zu erhabenem Grusel mystisch verbrämt sein könnte. Groteske macht sich über Jenseitiges lustig und fordert sofortigen Genuss, paradoxerweise das Monströs-Grausige mit dem Komischen vereinigend. Das Nebeneinander des Unvereinbaren, der plötzliche Umschlag von Lustigem in Schaurig-Dämonisches, die Nähe zur Melancholie findet man in Filmen wie Dalton Trumbos Johnny Got His Gun (1971), der die Geschichte eines Jungen erzählt, der den Weltkrieg nur als kommunikationsunfähiger Rumpf überleben kann und der in einer langen Reihe von Traum- und Erinnerungsgeschichten sich seiner Lage und Geschichte zu versichern sucht.
Die Breite des Begriffes ist uneinheitlich. Noch in den 1920er Jahren galten große Teile der Slapstick-Komödie als „Groteskfilm“. Heute spannt er zwischen der Vorstellung eines drastischen Kontrastes zwischen erzählter Welt und den Ereignissen der Geschichte (wie in M.A.S.H., 1968 oder in Fargo, 1996), der Inszenierung von Misstönen, Dissonanzen und Widersprüchen (wie in Lisztomania, 1975) und der vor allem von Bachtin vertretenen Auffassung, das Groteske sei durch Übertreibung, Hyberbolik, Übermaß und Überfluss gekennzeichnet (wie in späten Filmen Bunuels oder Fellinis).

Literatur: Adams, James Luther / Yates, Wilson / Warren, Robert Penn (Hrsg.): The Grotesque in Art and Literature. Theological Reflections. Grand Rapids, Mich.: Eerdmans 1997. – Fuß, Peter: Das Groteske. Ein Medium des kulturellen Wandels. Köln/Weimar: Böhlau 2001. – Kort, Pamela (Hrsg.): Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit. [Katalog.] München: Prestel 2003. – Meindl, Dieter: American Fiction and the Metaphysics of the Grotesque. Columbia: University of Missouri Press 1996.


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: HJW


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