Lexikon der Filmbegriffe

Kompilationsfilm I

manchmal auch: Archivfilm; daneben finden sich die Bezeichnungen: Archival Art Film, Dokumentar-Archivfilm, Chronik-Film, Chronik-Montagefilm, ‚Film de Montage‘, Found Footage (Film), Collage-Film, Recycling Film, Junk Film, Second Hand Film

Ein Kompilationsfilm ist ein unter vorwiegender Verwendung von fremdem älteren Material entstandener Film. Entsprechend versteht man unter „Kompilieren“ die Einarbeitung von Archivmaterialien in neue Filme.
Kompilationsfilme entstanden als Propagandafilme schon im 1. Weltkrieg – eine Tradition, die sich über die Nazi-Kompilation Der ewige Jude (1940, Fritz Hippler) bis heute fortsetzt. Ein bemerkenswerter Fall internationaler Propaganda im Kalten Krieg ist Andrew und Annelie Thorndykes Filmreihe Archive sagen aus (DDR 1957-58), in der sie zeigten, dass die Größen der BRD-Wirtschaft zu den Funktionseliten der Nazizeit gehört hatten.
Esfir Schub realisierte 1927 den ersten modernen Kompilationsfilm mit Padenije Dinastii Romanowych (Der Fall der Romanow-Dynastie), in dem es um die Darstellung und Kritik der Zaren-Dynastie ging. In Deutschland entstand mit Der Weltkrieg (1926-27) ein Film, der die Geschehnisse des Weltkrieges berichtete und dabei auch nachträglich gedrehtes Material einfügte. Seit den 1950er Jahren ist die Auseinandersetzung mit Geschichte mittels der Montage von Archivmaterial das Anliegen des Kompilierens. Meist sind es die Probleme der Nazizeit, die nun verlangen, das oft schon zu Propagandazwecken hergestellte Material zu einem neuen, analytischen Zugriff auf das Problem der politischen und historischen Einordnung des Nazismus zusammenzufügen. Fast alle diese Filme folgen einem faschismustheoretischen Programm und unterscheiden sich gerade darin. Man denke an so unterschiedliche Versuche wie Alain Resnais‘ Nuit et brouillard (1956), Andrew und Annelie Thorndykes Du und mancher Kamerad (1956), Erwin Leisers Den blodiga tiden [Mein Kampf] (1960), Paul Rothas Das Leben Adolf Hitlers (1961) oder Mikhail Romms Obyknovennyj fashizm [Der gewöhnliche Faschismus] (1965) sowie die späteren Filme Hitler, eine Karriere (1980) von Joachim Fest, Undergängens arkitektur [Architektur des Untergangs] (1989) von Peter Cohen, um die Spannbreite der Möglichkeiten zu ermessen, zum Teil identisches Material in unterschiedliche interpretative Kontexte einzubinden. Archive sind historisches Gedächtnis, der Kompilationsfilm erschließt die Materialien der Archive durch pure Juxtaposition und ist dabei im Idealfall analytische Auseinandersetzung mit Material und Kontext. 

Literatur: Beller, Hans: Die verfilmte Vergangenheit. Notizen zur dokumentarischen Arbeit mit Archivfilmen. In: Jahrbuch Film 84/85 (München: Hanser), S. 119-128. – Leyda, Jay: Films beget films. New York: Hill & Wang 1964; dt. als Filme aus Filmen. Eine Studie über den Kompilationsfilm. Berlin: Henschelverlag 1967.
 

Referenzen:

Mosaikfilm

Potpourri


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: HJW


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