Lexikon der Filmbegriffe

Kompilationsfilm II

Hat sich die künstlerisch-analytische Ausdrucksform des Kompilationsfilms vor allem an der Nutzung der audiovisuellen Archive entzündet, hat sich mit dem aufkommenden Fernsehzeitalter eine ganze Reihe von Spielarten der Gattung herausgebildet.

(1) Heute ist das historische Material meist mit Interviews durchsetzt und hat sich zu der vor allem im Fernsehen verbreiteten Form des historischen Interviewfilms verdichtet. Ein prägnantes Beispiel ist La vieja memoria [Alte Erinnerungen] (1978) von Jaime Camino, der Originalmaterialien des spanischen Bürgerkrieges mit Zeugenaussagen und zeitgenössischen Interviews mischt, um so einen Pseudodialog verschiedener Beteiligter über die Geschehnisse in Barcelona am Beginn des Krieges zu kreieren. Ähnlich verfährt auch Helke Sanders BeFreier und BeFreite (1992), der über die Vergewaltigung von Frauen im Zweiten Weltkrieg berichtet.
(2) Neben dem kritischen und dem propagandistischen gibt es den nostalgischen Kompilationsfilm, der historisches Material wie ein Bilderbuch oder ein Journal ausbreitet. Er stellt das Vergangene als Stück diffuser, oft biographischer Erinnerung aus, sei es, dass er es verklärt, sei es, dass er es als „putzig“ zum Gegenstand der Belustigung ausstellt. In diesen Typus gehören sowohl magazinartige Filme wie diverse Werberollen, Filme über historische Aufklärungsfilme oder das Leben von Filmstars.
(3) Wichtiger ist seit den 1970er Jahren eine Spielart des Kompilationsfilms, die die „offizielle Geschichte“ zu unterlaufen sucht und Teil eines gesellschaftlichen Konfliktes selbst ist. Filmemachen ist politische Tätigkeit. Eines der großen Themen ist die Anti-Atomkraft-Bewegung gewesen – man denke an Jayne Loaders und Kevin Raffertys The Atomic Cafe (1982) oder Jack Willis‘ und Saul Landaus Paul Jacobs and the Nuclear Gang (1978).
(4) Schließlich sei auf den reflexiven Kompilationsfilm verwiesen, der das Material nicht mehr nur als authentische Spur in die Wirklichkeit nimmt, sondern es auf seine ästhetischen Qualitäten, seine Inszeniertheit und seine verborgenen theatralen Potentiale auszuhorchen sucht. Ein Beispiel ist Videogramme einer Revolution (1992) von Harun Farocki und Andrei Ujica, der verschiedene Materialien, die während der rumänischen Revolution und des Sturzes Caucescu entstanden, miteinander konfrontiert, ohne dabei den politischen Diskurs zu zentrieren. 


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück