Lexikon der Filmbegriffe

Kulisse I

engl. set, scenery; für Kulissenwechsel: engl. scene change

Im Theater entstand im 17. Jahrhundert die Kulissenbühne, die den Szenen-Hintergrund durch gemalte Kulissen illusionierten. Im 18. Jahrhundert wurde sie dynamisch verwendbar, weil die Kulissen durch flache Führungsschienen im Bühnenboden (die „Freifahrtschlitze“) seitlich auf den „Kulissenwagen“ (ital.: caretto, engl.: chariot) ein- und ausgefahren werden konnten, was einen schnellen Szenenwechsel gestattete. Ihr traten später im 19. Jahrhundert Wagen- und Drehbühnen zur Seite: Jeweils ging es darum, den Szenenwechsel auch durch einen Wechsel der Szenenhintergründe zu markieren und so im Illusionstheater eine Vielzahl von Orten zu inszenieren. Erst im späten 19. Jahrhundert wird das Kulissensystem allmählich durch die geschlossene Zimmerdekoration mit fest aufgebauten, plastischen Dekorationsteilen abgelöst.
Im Film bleibt die Kulisse als gemalter Szenenhintergrund im Stummfilm noch lange im Gebrauch (backdrop) und findet sich als Inszenierungsmodell für Theateraufzeichnungen bis heute (man denke an Rohmers Perceval le Gallois, 1978, der in von Jean-Baptist Marot gemalten Kulissen spielt, die das Paris des 18. Jahrhunderts zeigen). Aber auch, nachdem im Film die gebaute Szenerie zur Norm geworden war, sind immer wieder Filme vor Kulissengemälden entstanden. Ein berühmter Fall ist Das Cabinett des Dr. Caligari (1919), dessen Kulissen von Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig geschaffen wurden. Sie hatten sich von der Stadt Prag inspirieren lassen und eine alptraumhafte Stadt als gemalten Hintergrund des Spiels geschaffen. Gemalte Teilkulissen werden immer wieder im historischen Film verwendet. So sind Teile der Massenszenen in Kubricks Barry Lyndon (1975) gemalte Hintergründe. Kulissen dienen zur (manchmal grotesken) Verfremdung, unterlaufen den Realismus des filmischen Bildes, transformieren das Spiel auf eine theaterhafte Ebene. So ist das Schiff in Fellinis E la nave va (1983) aus Pappmaché, die Himmel und manche Szenenhintergründe sind gemalt.

Referenzen:

backdrop

Dekoration

Kulissenbauer


Artikel zuletzt geändert am 15.06.2016


Verfasser: JH


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