Lexikon der Filmbegriffe

Ostranenie

engl.: making strange, oft defamiliarization

Der Ausdruck ostranenie (wörtlich: „Fremd-Machen“) wird im Deutschen bisweilen mit „Verfremdung“ übersetzt, sollte aber keinesfalls mit dem Brecht‘schen Verfremdungskonzept („V-Effekt“) verwechselt werden. Der Begriff ostranenie wurde 1916 von dem russischen Formalisten Viktor Šklovskij eingeführt und bezieht sich zunächst auf eine für den Autor zentrale Funktion der Kunst, nämlich die Alltagswahrnehmung zu „ent-automatisieren“. Er bezeichnet bei Šklovskij zudem bestimmte künstlerische Strategien (wie z. B. ungewöhnliche Erzählperspektiven), vor allem auch das reflexive Offenlegen von Verfahren. Schließlich gilt ostranenie den russischen Formalisten auch als die entscheidende Triebkraft des historischen Formwandels. Die neoformalistische Theoretikerin Kristin Thompson übernimmt den Begriff in der Übersetzung „defamiliarization“, zum einen ebenfalls, um zwischen Kunstwerken und Alltagsgegenständen zu unterscheiden, zum anderen als heuristisches Prinzip, um die stilistischen Merkmale einzelner Filme in Bezug auf ihr Abweichen von der Idealnorm des klassischen Hollywood-Kinos zu beschreiben.

Literatur: Kessler, Frank: Ostranenie. Zum Verfremdungsbegriff von Formalismus und Neoformalismus. In: Montage / AV 5,2, 1996, S. 51-65.
 

Referenzen:

Verfremdung

Verschiebung


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: FK


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