Lexikon der Filmbegriffe

Oralität

Der Altphilologe Milman Parry begründete in der 1920er und 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts die sogenannte Oralitätsforschung. Sie beschäftigt sich mit der Frage, welche Techniken des (kollektiven) Erinnerns und Vortragens eine Gesellschaft, die kein verbreitetes Schriftsystem kennt, entwickeln muss(te), um Wissen und Informationen weiterzutransportieren. Beschäftigte sich Parry anhand der Homerschen Epen noch hauptsächlich mit den Techniken des Memorierens und den Bedingungen der mündlichen Komposition, begann Eric A. Havelock in den 1960er Jahren, beeinflusst durch die Arbeiten von Harold Innis und Marshall McLuhan, Fragen nach der oralen Noetik zustellen. Ihn interessierte, wie die mentalen Strukturen des oralen Denkens beschaffen sein müssen, wie das Schreiben das Denken verändert bzw. was sich über ein Denken sagen lässt, das die Schrift nicht kennt. Auch Walter J. Ong untersuchte die Unterschiede zwischen geschriebener und gesprochener Sprache, zwischen Oralität und Literalität, jedoch lag sein Fokus weniger auf den Auswirkungen der Oralität auf soziale Zusammenhänge als vielmehr auf der Frage nach den spezifischen „Mentalitäten“ dieser Kulturen sowie auf dem Zusammenhang von Denken, Sprache und Schrift.

Literatur: Parry, Milman: The Making of Homeric Verse. The Collected Papers of M. Parry. Oxford: Oxford University Press 1971. – Havelock, Eric A.: Schriftlichkeit. Das griechische Alphabet als kulturelle Revolution. Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1990. – Ong, Walter J.: Oralität und Literalität, die Technologisierung des Wortes. Opladen: Westdeutscher Vlg. 1987. Engl. 1982. – Kloock, Daniela: Oralität und Literalität. In: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: Medientheorien – eine Einführung. München: Fink 2000, S. 236-267.


Artikel zuletzt geändert am 19.07.2011


Verfasser: DK


Zurück