Lexikon der Filmbegriffe

Synästhesie

im 19. Jahrhundert nach dem Muster von ‚Anästhesie‘ entstandenes Kunstwort aus altgriech. syn- = zusammen + aisthesis = Sinneseindruck, Wahrnehmung, Gefühl, Empfindung

(1) In Physiologie, Neurologie und Psychologie wird das Mit- bzw. Zusammenempfinden von mindestens zwei menschlichen Sinnen, hervorgerufen als Verbindung von Sinneseindrücken oder Stimulationen verschiedener Sinnesorgane oder Körperteile, wenn ursächlich nur eines den Reiz empfängt, als ‚synästhetisches Wahrnehmen‘ bezeichnet. Synästhesien werden nicht oder nicht in gleicher Weise von allen Menschen empfunden. Wahrnehmung (Perzeption), Vorstellungskraft (Imagination) und Kreativität werden in erheblichem Maße mitangesprochen. So können manche Menschen in entsprechenden affektiven Umgebungen Farben hören (audition colorée), schmecken, riechen oder beim Musikhören wahrnehmen bzw. Wörter als Farben sehen (ähnlich Photismus bzw. Chromästhesie); andere können Verbindungen zwischen Sehen und Geschmacksnuancen herstellen oder Gerüche als Geschmack sehen oder Geschmacksqualitäten hören. Uneinigkeit besteht darüber, ob die Synästhesie als biologisches, psychisches oder soziales Phänomen zu definieren sei und ob sie als psychische Anomalie oder besser als Form des nonverbalen Denkens beurteilt werden sollte. Die Synästhesie wurde bereits in der Psychologie der späten 1920er Jahre intensiv erforscht, und das Interesse an ihr hat auch in den experimentellen Filmen der Zeit seine Spuren hinterlassen. Zu den frühen Filmschaffenden, die die Reinheit einfacher geometrischer Formen zur Simulation von Bewegung, Rhythmus, Farbe, Form und Tonhöhe genutzt haben und Musik durch farbige Formen in Bewegung zu visualisieren suchten, gehören Walter Ruttmann (1887-1941) mit seinen schwarz-weißen (z.B. Lichtspiele Opus 1-4, 1921-1925) und Oskar Fischinger (1900-1967) mit seinen farbigen Animations-Kurzfilmen (wegweisend: Komposition in Blau, 1935) sowie der Schotte Norman McLaren (1914-1987) (z.B. mit seinem Pixillations-Kurzfilm Neighbours, 1952; Synchrony 1971).
(2) Der Terminus Synästhesie wird in Literatur- und Sprachwissenschaft auch auf dem Gebiet der Metaphernbildung genutzt.

Literatur: Adler, Hans / Zeuch, Ulrike (Hrsg.): Synästhesie: Interferenz – Transfer – Synthese der Sinne. Würzburg: Königshausen und Neumann 2002. – Emrich, Hinderk M. / Schneider, Udo / Zedler, Markus: Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie: das Leben mit verknüpften Sinnen. Stuttgart [u.a.]: Hirzel 2002. – Harrison, John: Synaesthesia - the strangest thing. Oxford [u.a.]: Oxford Univ. Press 2001. – Kremer, Detlef: Art. Synästhesie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3. Hrsg. v. Jan-Dirk Müller. Berlin / New York: de Gruyter 2003, S. 557-559. – Paetzold, Heinz: Synästhesie. In: Ästhetische Grundbegriffe. Hrsg. v. Karlheinz Barck u.a. Bd. 5. Stuttgart/Weimar: Metzler 2003, S. 840-868. – Themenheft der Zeitschrift Leonardo 32,1, 1999. – Whitney, John: Digital harmony: on the complementarity of music and visual art. Peterborough, NH: Byte Books 1980.
 

Referenzen:

absoluter Film

abstrakter Film

Affekt / Gefühl / Emotion und Film

Clavilux

Computerfilm I: Produktionsweisen

Computerfilm II: künstlerische Anwendungen

Farblichtmusik

informationstheoretischer Film / informationsästhetischer Film

Optophonie

psychedelischer Film: Filme

psychedelischer Film: Grundlagen

symphonischer Film / Filmsymphonie

Synästhesie: Medientheorie


Artikel zuletzt geändert am 21.01.2012


Verfasser: LK


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