Lexikon der Filmbegriffe

Toronto School

Die Theoretiker der Toronto School beschäftigten sich mit der formbildenden Kraft der Kommunikation, ihren – mit der Frage, wie Konstellationen, Techniken und materiale Qualitäten von Medien eine Gesellschaft als Ganzes organisieren, strukturieren und beeinflussen. Dieser Ansatz, Medien als formative Größen des gesellschaftlichen Lebens zu verstehen, steht im krassen Gegensatz zur Kommunikationsforschung, die primär Medieninhalte und Rezipientenreaktionen untersucht. Die Grundlage für die Forschungen der Toronto-Schule lieferte der 1952 verstorbene kanadische Ökonom Harold A. Innis. Ihn interessierte besonders der Zusammenhang zwischen bestimmten Kontroll- und Machtstrukturen und der Art der materiellen Träger von Kommunikation bezogen auf ihr Verhältnis von Raum und Zeit. So untersuchte er beispielsweise Hieroglyphen im Unterschied zu Papyrus und kam zu dem Ergebnis, dass ein Zusammenhang existiert, ein „bias“ zwischen eher raum- und eher zeitbezogenen Medien und den die sozialen und politischen Bereiche bestimmenden Strukturen. Auch sind Wissenshierarchien und -monopole je nach Medium unterschiedlich organisiert. Die Annahme, dass die Einführung neuer Medien stets zu gravierenden wirtschaftlichen und politischen Veränderungen führt, ist für die Arbeit der Toronto-Gruppe Leitvorstellung geblieben. Der kanadische Literaturwissenschaftler Marshall McLuhan schrieb mehrere Arbeiten über das Ende des typografischen Zeitalters. Die Untersuchungen McLuhans zielen darauf, dass bestimmte Medien die Sinnesorganisation des Menschen ansprechen, verändern und beeinflussen. Walter J. Ong schrieb 1958 seine Studienabschlussarbeit bei Marshall McLuhan, deren Thema er über 20 Jahre mehrfach vertieft hat. Ong befasste sich mit Schrift, ihrer Entstehung, ihrer Geschichte, vor allem aber mit ihrer Vorgeschichte. Seine Fragen waren: Wie verändert sich das Denken, das Sprechen, das Erinnern, wenn Schrift auftaucht? Wie spricht, denkt, erinnert eine Kultur, die kein Schriftsystem kennt? Im Unterschied zu Innis – der Medien in Zusammenhang mit politischen/ökonomischen Systemen brachte – wollte Ong den Zusammenhang zwischen Medien und „Mentalitäten“ herausfinden.

Literatur: http://www.mcluhan.utoronto.ca. – Innis, Harold R.: The bias of communication. Toronto: University of Toronto Press 1951. Repr., with a new introd. 1991. – Barck, Karlheinz (Hrsg.): Harold A. Innis – Kreuzwege der Kommunikation: ausgewählte Texte. Wien/New York [...]: Springer 1997. – McLuhan, Marshall: The Gutenberg galaxy : the making of typographic man. Toronto: Toronto University Press 1962. Dt. 1968. – Ong, Walter J.: Oralität und Literalität, die Technologisierung des Wortes. Opladen: Westdeutscher Vlg. 1987. Engl. 1982.

Referenzen:

Gutenberg-Galaxis

Oralität


Artikel zuletzt geändert am 05.02.2012


Verfasser: DK


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