Lexikon der Filmbegriffe

Typage

auch: character typing

Der frühe Eisenstein lehnte das bürgerliche Prinzip des Stars rigoros ab – er wollte vielmehr bestimmte Charakterzüge, moralische Qualitäten, soziale Stellungen und physische Erscheinungsweisen von Gruppen durch einen einzelnen Schauspieler darstellen lassen. Dieses Prinzip nannte er Typage und verstand darunter die Repräsentation der verschiedenen Typen der ‚Masse‘ durch möglichst charakteristische (Laien-)Darsteller; es dient dazu, nicht den individuellen Helden und seine Geschichte, sondern die Masse als Handlungsträger darzustellen. Nach 1935 hielt sich Eisenstein nicht mehr streng an das Prinzip der Typage und sprach nun von der „Wiederentdeckung des Sujets und des Schauspielers“. Gleichwohl ist es eine der wichtigsten Strategien einer realistischen und linken Darstellung der Wirklichkeit geblieben. Ähnlich wie in der Commedia dell‘Arte, die als Typenkomödie auf ein sehr enges Arsenal von Typen zurückgreift, bildet das Ensemble der Typen ein minimales Gesellschaftsmodell aus. Der Zuschauer soll durch die Qualität der Typage an die gesellschaftliche Bindung des Handelns erinnert werden.
Der Akteur instantiiert also einen Typen - und wenn man sich vor Augen führt, dass solche sozialen Stereotypen wie „wohlhabender Bürger“, „verschlagener Jude“, „hagerer Proletarier“ und dergleichen mehr, moralische Typen wie „gute Mutter“, „aufrechter Arbeiter“, „entscheidungsunfähiger Alkoholiker“ oder „schamhaftes Mädchen“, narrative Typen wie „der Rächer“, „der Helfer“ oder „das naive Mädchen“ sowie andere Schichten der sozialen und symbolischen Typifizierung gleichermaßen Grundlage der Typage sind, wird schnell deutlich, dass das Typenhafte eine der elementaren Bedeutungsformen des Kinos darstellt.

Literatur: Eisenstein, Sergei M.: Through theatre to cinema [1934]. In seinem: Film form. Essays in film theory. New York: Harcourt, Brace 1949, S. 3-17 [zahlreiche andere Ausgaben]. – Eisenstein, Sergej M.: Zur filmischen Gestaltung des Typischen. In: Schriften. 3. Oktober. Mit den Notaten zur Verfilmung von Marx' 'Kapital'. München: Hanser 1975, S. 273-280.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: HJW


Zurück