Lexikon der Filmbegriffe

Vignette

als Tätigkeit: vignettieren; engl.: vignetting, manchmal auch: framing, framed shot (daran erinnernd, dass das Bildzentrum kompositionell „gerahmt“ wird)

(1) Eine Vignette ist eine Bildkomposition, bei der ein Porträt oder eine Szene durch eine Art von Rahmen hindurch präsentiert wird. Das können Durchblicke sein wie eine Ansicht des herannahenden Flugzeugs in Hitchcocks North by Northwest (1959), das an allen Seiten durch Maispflanzen gesäumt ist, oder das kann ein Ausblick auf das Land vor dem Haus sein wie die berühmten Anfangs- und Schlussbilder aus John Fords The Searchers (1959), die aus dem Inneren des Hauses fotografiert sind und den Türrahmen als Rahmen des „eigentlichen Bildes“ nutzen. Vignetten-Bilder sind ornamental, demonstrieren den Status des Bildes aufs Deutlichste und sind oft als Schlüsselbilder gegen den Verlauf der Handlung gesetzt, der Zeit der Handlung enthoben. Die Redeweise verweist auf porträtartige Groß- und Nah-Aufnahmen der Stummfilmzeit, bei denen meist der Hintergrund in Unschärfe gehalten war. Insbesondere der Kameramann G. William (‚Billy‘) Bitzer, der für Griffith gearbeitet hat, komponierte Vignetten als ausgezeichnete Blicke auf die Figuren. Später finden sich derartige Aufnahmen oft als einführende Aufnahmen, die eine Figur zum ersten Mal zeigen.
(2) Normalerweise gehören die Rahmungen einer Vignette zum Environment, auch wenn sie bewusst verschwommen gehalten sind. Selten wird aber auch eine Maske, die wie ein Oval das Porträt einer Figur umschließt, als „Vignette“ bezeichnet. Technische Vignetten sind auch die Vaseline-Ränder, mit denen Orson Welles in The Magnificent Ambersons (1942) versucht hatte, den Filmbildern das Aussehen alter fotografischer Porträts zu verleihen.
(3) Eine andere Redeweise bezeichnet solche Szenen, die eigenständig stehen können und wie ein eigener Film komponiert sind, so dass sie aus dem Gesamtfilm herausgebrochen werden könnten. Neben Hitchcock-Szenen wie der berühmten Maisfeld-Szene aus North by Northwest (1959) ist die „Tara-Szene“ aus Gone With the Wind (1939), in der Scarlett O‘Hara erklärt, sie wolle nie wieder Hunger erleiden, eine inhaltlich und fotografisch deutlich vom Kontext isolierte Einheit.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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