Lexikon der Filmbegriffe

Voice-Over

Kurzform: VO; US-Englisch auch: voice over

Englisch auch für ‚Off-Kommentar‘ oder ‚Hintergrundkommentar‘, jedoch nicht auf echte Kommentare beschränkt: Eine Stimme, die der Zuschauer nicht direkt einer im Bildausschnitt sichtbaren Person physikalisch zuschreiben kann, wird Voice-Over genannt. Davon getrennt zu halten ist die off-screen voice, bei der die sprechende Stimme in einem raumzeitlichen Kontiguitäts- oder Nachbarschaftsverhältnis zum Gezeigten steht und sozusagen durch einen Kameraschwenk zeigbar wäre.
Es lassen sich beim Voice-Over eine Reihe von Fällen bestimmen, die man nach literarischen bzw. quasi-literarischen und nach nicht-literarischen Gebrauchsformen unterscheiden kann: (1) die Stimme eines Kommentators im Dokumentarfilm. (2) Die Stimme eines Erzählers im Spielfilm; Erzähler sind im neueren Spielfilm seltener geworden, gehörten aber bis in die 1960er Jahre zu den normalen Erzählformen. Eine eigene Gruppe bilden Voice-Overs von diegetischen Stimmen: (3) ein Ich-Erzähler, der zur erzählten Welt oder sogar zur Geschichte gehört und seine subjektive Erfahrung des Geschehens berichtet oder das Geschehen kommentiert; (4) die Stimme eines Akteurs, der wiedergibt, was ihm durch den Kopf geht; (5) die Stimme eines Akteurs, die sich ein anderer Akteur vorstellt - z.B. beim Lesen eines Briefes oder in Erinnerung einer wichtigen Äußerung. Nicht alle Fälle sind eindeutig klassifizierbar; so ist Terrence Malicks The Thin Red Line (Kanada/USA 1998) mit zahlreichen individuellen Reflexionen über den Sinn des Lebens, die Tiefe von Gefühlen und ähnliches durchsetzt, die in ihrer Zeitbeziehung zum sichtbaren Geschehen oft kaum eindeutig bestimmt werden können. (6) Die Stimmen von Akteuren, die im Inneren eines Gebäudes miteinander reden, von dem man nur das Äußere sieht, nennt man ebenfalls Voice-Over. (7) Schließlich ist auch ein Gespräch, das szenen-überlappend eingesetzt ist, eine Form von voicing over.

Literatur: Brinckmann, Christine N[oll]: Der Voice-Over als subjektivierende Erzählstruktur des Film Noir. In: Narrativität in den Medien. Hrsg. v. Rolf Kloepfer, Karl-Dietmar Möller. Münster: MAkS Publikationen 1986, S. 101-118; wiederabgedr. in: Brinckmann: Die anthropomorphe Kamera und andere Schriften zur filmischen Narration. Zürich: Chronos 1997, S. 114–129. – Châteauvert, Jean: Des mots à l'image: la voix over au cinéma. Québec: Nuit Blanche [u.a.] 1996. – Chion, Michel: La voix au cinéma. Paris: Ed. de l'Étoile 1982 [Neued. 1993; engl. New York 1999]. – Hogan, Harlan: VO: tales and techniques of a voice-over actor. New York: Allworth Press 2002. – Kozloff, Sarah: Invisible storytellers: voice-over narration in American fiction film. Berkeley [u.a.]: University of California Press 1988. – Neupert, Richard John: The end. Narration and closure in the cinema. Detroit: Wayne State Univ. Press 1995 [darin in Kap. 2: Voice-over narration as a closure device]. – Smoodin, Eric Loren: Voice-over: a study of the narration within the narrative. Diss. Los Angeles: University of California 1984; Ann Arbor, MI: UMI 1986.

Referenzen:

innerer Monolog

inneres Sprechen

Voice of God


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: TB HJW LK


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