Lexikon der Filmbegriffe

Chronophotographie I

(1) Nach der Erfindung hochempfindlicher Photoplatten durch den Engländer Richard Maddox (1871, produktionsreif 1873) gab es seit den 1870er Jahren eine große Anzahl von Anstrengungen, fotografische Methoden zur Analyse von Bewegung einzusetzen. Etienne-Jules Marey, einer der wichtigsten Fotografen der Richtung, nannte seinen Gegenstand Photochronographie, änderte ihn aber 1885 in Chronophotographie; der Internationale Kongress für Fotografie 1889 einigte sich auf den zweiten Begriff, der bis heute gebräuchlich geblieben ist. Erste Fotoreihen gelangen dem Astronomen Jules Janssen 1874 über die Passage von Venus vor der Sonne. Der Amerikaner Eadweard Muybridge nahm seine fotografischen Arbeiten für den Eisenbahnmagnaten und Rennstallbesitzer Leland Stanford 1872 auf, doch erst 1877 gelang es ihm, den Bewegungsablauf eines Pferdes im Galopp fotografisch zu dokumentieren. Er stellte Reihen von Aufnahmeapparaten hintereinander, die in schneller Folge betätigt wurden; die Bildsequenzen wurden später zu Tableaus arrangiert und ausgestellt. Physiologische Interessen verfolgte der französische Mediziner Etienne-Jules Marey, er war ganz auf die wissenschaftliche Bedeutung seiner Bilder sowie auf die Fähigkeit der Fotografie konzentriert, vom phänomenalen Reichtum des Vorbildlichen zu abstrahieren. Der deutsche Ottomar Anschütz hatte zwar auch Tiere in Bewegung aufgenommen (1882), doch arbeitete er für das preußische Militär und nutzte chronophotographische Verfahren zur Dokumentation von Geschoßbahnen und anderer ballistischer Phänomene. Der französische Physiologe Georges Demenÿ nahm 1891 eine ganze Serie von Bildern auf, die ihn beim Sprechen einer Rede zeigen und die Mundstellungen enthielt, die neue phonetische Einsichten ermöglichten.
(2) Auch gebräuchlich als allgemeine Bezeichnung für fotografische Dokumentationsverfahren für alle Arten von Prozessen – ultrakurze, die mit Hochgeschwindigkeitskameras aufgezeichnet werden, Verläufe in Normalzeit oder auch in geraffter Zeit. Manchmal wird zwischen Serien- und Phasenfotografie unterschieden – erstere nimmt eine Reihe von Einzelbildern des beobachteten Prozesses auf, letztere ist eine Mehrfachbelichtung; diese Trennung ist aber mißverständlich.

Literatur: Rossell, Deac: Faszination der Bewegung: Ottomar Anschütz zwischen Photographie und Kino. Frankfurt: Stroemfeld 2001. – Schnelle-Schneyder, Marlene: Photographie und Wahrnehmung. Am Beispiel der Bewegungsdarstellung im 19. Jahrhundert. Marburg: Jonas 1990.

Referenzen:

animal locomotion

Cinematismus

Kinestasis

Phasenfotografie

fotografisches Gewehr

Reihenfotografie


Artikel zuletzt geändert am 03.03.2012


Verfasser: JH


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