Lexikon der Filmbegriffe

Kinothek

Kurzform von „Kinobibliothek“

(1) Eine der (im Dt. allerdings äußerst seltenen) Bezeichnungen für ein Filmarchiv. Von der Bildungsweise verwandt dem frz. cinémathèque; in vielen slawischen Sprachen als kinoteka üblich. Die Kinothek hat ähnliche Aufgaben wie die Bibliothek – die Sammlung, Pflege, Erschließung, Restauration und Wahrung der Zugänglichkeit von Filmen zu übernehmen.
(2) Der wohl einflussreichste Komponist des deutschen Stummfilms war der Italiener Giuseppe Becce, der ab 1900 in Berlin lebte. In den Jahren zwischen 1919 und 1929 veröffentlichte er seine Kinobibliothek (später verkürzt auf: Kinothek) – ein vielbändiges Sammelwerk, das er als Baukasten zur Komposition von Stummfilmmusik verstand. Die Kinothek enthielt Versatzstücke für allerlei typische Stummfilmszenen. Der Pianist konnte nun je nach Film-Szene auf die programmatischen Titel der Kinothek zurückgreifen (wie: Popolo giocondo / Lustiges Volk, Fuga comica / Komische Fuge, Marcia solenne / Feierlicher Aufmarsch u.a.m.) und entsprechende Musik durch unmittelbares Nachspiel der Becceschen Stücke oder durch deren Variation auf den Film abstimmen. Becce machte als Hilfe für Filmleute, die keine Noten lesen konnten, sogar eine Schallplattenaufnahme seiner Kinothek-Stücke. Becces Kinothek wurde massiv kritisiert, weil sie durch die modulare Aufsplitterung der Szenenfolge die sinnhaften Zusammenhänge zwischen den Szenen zerstöre und zu einer Art industrieller Stereotypisierung und Standardisierung der Filmmusik führe. Die ursprüngliche Intention der Kinotheken stand dem allerdings genau gegenüber – es ging um die Befreiung der Musikbeleitung von der Willkür des „Manns am Klavier“, ihre Aufwertung zur Kunst; nicht zufällig entstehen die Kinotheken parallel zum sozialen und künstlerischen Aufstieg des Kinos resp. des Films.
Es gab mehrere andere Kinotheken – sie hatten ihre Anfänge um 1910 und versammelten Notenmaterialien, die durchgängig nach dem Charakter der Stücke resp. der Szenen, zu denen Stücke gespielt werden konnten, sortiert waren. Zum Teil basierten die Stücke auf bestehender, vorwiegend klassischer Musik (oft „Compilationen“ genannt“), zum Teil waren es eigens zum Zweck der Illustrierung von Filmszenen komponierte Stücke. Es gab eine unübersehbare Vielfalt von Formen (Salonstücke, zeitgenössische Schlager, Potpourris, Fantasien, Opernparaphrasen, Ouvertüren, Märsche, Tänze, volkstümliche Tanz- und Unterhaltungsmusiken u.a.m.). Eingeschränkt blieb die Vielfalt durch vorliegende Urheber- und Aufführungsrechte. Die Kinotheken blieben auch dann noch in Gebrauch, als immer mehr Filme mit speziell für sie komponierten Musiken („Original-Filmmusiken“) auf den Markt kamen – weil insbesondere die kleineren Kinos, Wanderkinos, Kinos im Ländlichen etc. mit schlechtbezahlten und oft unausgebildeten Musikern arbeiten mussten, aus dem gleichen Grund der mangelnden Finanzausstattung also, der den Ankauf von Rechten zeitgenössischer Populärmusik verhinderte. 

Kinotheken: Becce, Giuseppe: Kinothek. Neue Filmmusik; dramatische Musik. Berlin-Lichterfelde-Ost: Schlesinger [...] 1919-29. – Sam Fox Moving Pictures Music. 1.2.3. Cleveland/New York: Sam Fox Publ. 1913-14. – Rapèe, Erno: Encyclopedia of music for pictures. New York: Arno Press / The New York Times 1970 (The literature of cinema.). Zuerst: New York 1925. – Seredy, Julius S. (comp.): Motion picture guide to the Carl Fischer modern orchestra catalog. Indicating all the themes and motives suitable for motion pictures, and showing their practical application to the screen. In collab. with Charles Roberts and Lester M. Lake. New York: Carl Fischer 1922. Rev. and expanded as: Carl Fischer analytical orchestra guide. A practical handbook for the profession. Comp. by Julius S. Seredy. New York: Carl Fischer 1929.

Literatur: Erdmann, Hans / Becce, Giuseppe / Brav, Ludwig: Allgemeines Handbuch der Film-Musik. Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung. Berlin-Lichterfelde 1927. – Krones, Hartmut: Optische Konzeption und musikalische Semantik. Zum "Allgemeinen Handbuch der Film-Musik" von Hans Erdmann, Giuseppe Becce und Ludwig Brav. In: Bühne, Film, Raum und Zeit in der Musik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Hartmut Krones. Wien [...]: Böhlau 2003, S. 119-142.
 

Referenzen:

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Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: KJ JH AS CH


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