Lexikon der Filmbegriffe

Halbstarkenfilm

Bereits um 1900 war der Begriff der „Halbstarken“ in der Hamburger Gemeindefürsorge verbreitet und bezeichnete die männliche Jugend des Arbeitermilieus. Erst in den 1950er Jahren wurde er zur Sammelbezeichnung für eine Jugendkultur, die damals vor allem als renitent, unpolitisch und narzisstisch beschrieben wurde. US-amerikanische Dramen wie Rebel Without a Cause (Nicholas Ray, 1953) mit James Dean, The Wild One (László Benedek, 1953) mit Marlon Brando und Blackboard Jungle (Richard Brooks, 1955), aber auch Musikstreifen wie Rock Around the Clock (Fred F. Sears, 1956) mit Bill Haley und Love Me Tender (Robert D. Webb, 1956) mit Elvis Presley, fielen beim jungen deutschen Publikum mithilfe aggressiver Kommerzialisierungs­strategien auf nahrhaften Boden. Der Typus des Rock‘n‘Roll-begeisterten Rebellen fand schnell zahlreiche Nachahmer, so dass das gegen die Konvention verstoßende Outfit (Lederjacke, Jeans, T-Shirt, Haartolle) bald zur Uniform der Cliquen mutierte. Horst Buchholz und Peter Kraus reüssierten zu Idolen – als ‚deutsche Antwort‘ auf Brando und Presley. Die Halbstarken (Georg Tressler, BRD 1956) und die DEFA-Version des Genres, Berlin – Ecke Schönhauser (Gerhard Klein, DDR 1957) betonten die sozialen, politischen und finanziellen Konflikte der Jugendlichen, während die Straßenkrawalle in den Jahren 1956-58 in der Presse oftmals als unbegründet bezeichnet wurden. Vor dem Hintergrund der Remilitarisierung und Remaskulinisierung in den 1950er Jahren entstanden zugleich Filme, die eine weniger ‚realistisch‘ ambitionierte Erzählweise versuchten und moderat-versöhnliche Versionen sowie grotesk-ironische Verkehrungen der Impulse aus der Jugendkultur anboten, z.B. August der Halbstarke (Hans Wolff, Österreich 1956), Die Frühreifen (Joseph von Baky, BRD 1957), Die Halbzarte (Rolf Thiele, Österreich 1958). Das Genre fand von Anfang an starke Ausprägung im B-Movie-Bereich, mit großer Nähe zum Highschool- und Internatsfilm sowie zum Roadmovie, und wurde seinerseits Gegenstand nostalgischer Reinszenierungen, Reminiszenzen und Remakes (Grease, 1978; American Graffiti, 1973; Die Halbstarken, 1996).

Literatur: Faulstich, Werner: Die neue Jugendkultur. Teenager und das Halbstarkenproblem. In: Werner Faulstich (Hrsg.): Die Kultur der 50er Jahre. München: Fink 2002, S. 277-290. – Grotum, Thomas: Die Halbstarken – Zur Geschichte einer Jugendkultur der 50er Jahre. Frankfurt/New York: Campus 1994.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: SN


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