Lexikon der Filmbegriffe

Intertextualität

In der Literatur- und Erzähltheorie der 1970er Jahre wurde das Konzept der Intertextualität eingeführt, die das Verhältnis von Texten zu Texten bezeichnet. In der Filmwissenschaft noch relativ wenig bearbeitet, gestattet es, den einzelnen Film sowohl in Beziehung zu anderen Filmen wie auch zu Realisierungen des gleichen Stoffes in anderen Medien zu setzen. Oft wird mit der Vorstellung eines (abstrakten) „Intertextes“ gearbeitet, der als ein tertium comparationis die Beziehung der beiden Texte reguliert. Intertextualität wird in drei verschiedenen Arbeitsfeldern bearbeitet:
(1) Als theoretisches Konzept besagt es, dass Texte immer in Reihen anderer Texte stehen, die die Formen und Modi der Äußerung, die Konventionen der Genres und ähnliches bestimmen und deren Kenntnis in die Inszenierung und Dramaturgie sowie in die Bedeutungserschließung eines einzelnen Films eingeht. So, wie die „Konventionalität“ die Stabilität der Zeichen auf der Ebene elementarer Bedeutungseinheiten garantiert, erschließt die „Intertextualität“ die Bedeutung der Texte.
(2) Als analytisches Konzept untersucht „Intertextualität“ die Beziehungen eines einzelnen Werks zu einem oder mehreren anderen Werken. Zitierend und anspielend nimmt es Bezug auf Genres, Charaktere, Schauspieler und Regisseure, auf Inhalte und ihre Darstellungs-Traditionen und verweist zudem auf außerfilmische populäre Texte. Intertextualität stellt einen werkbezogenen Verweisungszusammenhang her, der sich auf Vorlagen, auf den Stoff, auf populäre Mythen, auf Genres, kurz: auf andere konkrete Texte bezieht. Die Formen der Intertextualität, die man unter produktionsästhetischen Gesichtspunkten auch als "Einlagerung fremder Texte oder Textelemente in den aktuellen Text" bezeichnen könnte (Lachmann), können sehr unterschiedlich sein. Dabei kann es sich um Zitate, Allusionen, Reminiszenzen handeln, die sich auf einzelne Texte beziehen; es kann sich um die Kombination einer Vielzahl fremder Texte wie Filme, Fernsehsendungen, Cartoons und andere handeln, die auf vielfältige Weise mit dem aktuellen Text verwoben sein können; es kann sich aber auch um die Wiederaufnahme eines bekannten Textes handeln, der nun im aktuellen Text neu interpretiert oder gar parodiert wird. Parodie, Pastiche und Travestie gelten denn auch als Grundformen der Intertextualität.
(3) Als pragmatisches Konzept, das vor allem Rezeptionskontexte untersucht, wird der einzelne Film in einem Feld von „sekundären Texten“, die dem „primären Text“ nachgeordnet sind, angesiedelt. Manche von ihnen gehen der Rezeption voraus. Dazu zählen Kritiken und Klatschgeschichten in der Regenbogenpresse, die das entsprechende Kontextwissen zum Film liefern. Programmankündigungen in Tageszeitungen und Programmzeitschriften gehören dazu, die bereits bei den Zuschauern eine Erwartungshaltung gegenüber dem Text schaffen. Andere folgen der Rezeption, sind durch sie angestoßen (Tischgespräche, Briefe etc.).

Literatur: Broich, Ulrich / Pfister, Manfred (Hrsg.): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Berlin/New York: de Gruyter 1985. – Helbig, Jörg (Hrsg.): Intermedialität. Theorie und Praxis eines interdisziplinären Forschungsgebiets. Berlin: Erich Schmidt 1998. – Meinhof, Ulrike / Smith, Jonathan (eds.): Inter­textuality and the Media: From Gen­re to Everyday Life. Man­che­ster/New York: Manchester Univer­sity Press 2000.

Referenzen:

Anspielung

Ikonotext

Interbildlichkeit

Intertext

Intertextualität: Film-Beziehungen

Retro-Look

Transtextualität


Artikel zuletzt geändert am 27.04.2014


Verfasser: HJW


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