Lexikon der Filmbegriffe

Spiegelstadium

auch: Spiegelphase; franz.: stade du mirroir

In der Geschichte der Psychologie wird die Spiegelmetapher des Öfteren zur Verdeutlichung sogenannter narzisstischer Objektbeziehungen herangezogen. Den Begriff „Spiegelstadium“ (auch „Spiegelphase“) hat 1935/36 der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan in die Diskussion eingeführt. Er bezeichnet den entwicklungspsychologischen Abschnitt zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat: Das noch weitgehend hilflose Kind entdeckt im Spiegelbild seinen eigenen Körper als eine ganzheitliche Einheit und Gestalt, mit der es sich identifiziert; es findet eine imaginäre Konstituierung des Ich (des „moi“ in Unterscheidung vom „je“) statt. Das Kind erlebt diesen Vorgang freudig und lustvoll, gleichzeitig aber auch angstbesetzt aus Furcht vor einer Zerstückelung dieser Einheit („Fragmentierungssangst“). Lacan hat diese Phase dann weitergehend als ständiges Problem für den Menschen als Gattung angesehen, denn dem Menschen gefällt dieses ihm als vollkommen erscheinende Bild im Spiegel und er verteidigt es entschieden gegen alle Anzweiflungen hinsichtlich seiner Selbstgewissheit. Letztlich handelt es sich um eine narzisstische Selbsttäuschung, die jedoch überlebensnotwendig ist.
Die frühe Rolle in der Entwicklung der menschlichen Wahrnehmung und der Aneignung von Körperlichkeit, die Lacan der Visualität und dem Sehen als einem Begehren zubilligt, hat dazu geführt, dass der Terminus „Spiegelstadium“ durch die französischen Theoretiker Jean-Louis Baudry und Christian Metz in einer psychoanalytisch ausgerichteten Filmtheorie etabliert wurde. Dabei wird die Leinwand in der Funktion eines Spiegels gesehen, allerdings mit dem gewichtigen Unterschied, dass der Leinwand-Spiegel in Bezug auf den Betrachter einen blinden Fleck aufweist.
Neben Erörterungen der Filmtheorie über Ort und Funktion des Betrachters in Bezug auf den kinematographischen Apparat haben sich Filmemacher des Konzepts vom Spiegelstadium bedient, um Prozesse der Ichfindung ebenso zu beschreiben wie Gefährdungen dieses Ichs zu symbolisieren. Robert Altman hat in Images / dt.: Spiegelbilder (1971) versucht, Spiegelstadien zu visualisieren, um damit das Fortschreiten der psychischen Erkrankung seiner Protagonistin zu zeigen. Die postmoderne Welt der Matrix-Filme (USA 1999-2003, Andy & Larry Wachowski) – bereits Lacan spricht im Zusammenhang mit dem Spiegelstadium von einer „symbolischen Matrix“ – lässt den Helden gleichsam ständig in Spiegelstadien geraten, die von den Gefahren der Fragmentierung und Dekomposition begleitet sind.

Literatur: Baudry, Jean-Louis: Ideologische Effekte erzeugt vom Basisapparat. In: Der kinematographische Apparat. Hrsg. v. Robert F. Riesinger. Münster: Nodus 2003, S. 27-39. – Horatschek, Annegreth: Spiegelstadium. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart/Weimar: Metzler 1998, S. 494-495. – Lacan, Jacques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. In: ders.: Schriften. 1. Hrsg. v. Norbert Haas. Olten/Freiburg: Walter 1973, S. 61-70 [u.ö.]. - Metz, Christian: Der imaginäre Signifikant. Münster: Nodus 2000, bes. S. 44-56.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: LK


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