Lexikon der Filmbegriffe

Affektmanagement im Horrorfilm

Zentraler Bestimmungsgrund des Genres ist die vom Produzenten beim Zuschauer intendierte Emotion des Horrors und der Angst. Horror ist aber nicht ein reiner Gefühlszustand, sondern basiert auf einem genrespezifischen Management des Affekterlebens. Horrorfilme sind dissonanz-induzierend – sie sind beunruhigend oder unangenehm (und damit dem Genre zugehörig), sofern sie Ideen, Verhaltensweisen oder Überzeugungen präsentieren, die nicht zusammenstimmen, die unsere Erwartungen und Auffassungen bezüglich der „Welt“, aber auch bezüglich des für das filmische Erzählen Akzeptablen durchkreuzen oder überschreiten. Im Zentrum der Prozesse des Horror-Erlebens stehen dabei jene Figuren oder Ereignisse eines Films, die – gemessen an den Normen und Werten der erzählten Welt – als „unrein“, als eine Verletzung kultureller bzw. kognitiver Kategorien erlebt werden können. Sie bilden das formale Objekt der Emotion. Klassische Beispiele wären in sich widersprüchliche (lebend-tote) Kreaturen wie Frankensteins Monstrum oder Zombies, im modernen Horrorfilm finden sich psychopathische Serienkiller wie Norman Bates (weder Mann noch Frau, Nor-man). Dissonanzelemente werden dabei selbst in Exemplaren des Genres wirksam, in denen sie nicht in einen Rahmen narrativer Wahrscheinlichkeit eingebettet sind, sondern zugleich als Teil einer Thematisierung von Reflexivität funktionieren (wie etwa Scream I, USA 1985, Wes Craven).

Literatur: Carroll, Noël: The Philosophy of Horror, or Paradoxes of the Heart. New York/London: Routledge 1990. Dazu eine Erwiderung von Berys Gaut (British Journal of Aesthetics 35,3, 1995, S. 284-289) und eine Antwort von Carroll (British Journal of Aesthetics, 35,1, 1995, S. 67-72). – Tamborini, Ron / James B. Weaver III (eds.): Horror Films: Current Research on Audience Preferences and Reactions. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum 1996. – Vonderau, Patrick: „In the hands of a maniac“. Der moderne Horrorfilm als kommunikatives Handlungsspiel. In: Montage / AV 11,2, 2002, S. 129-146.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: PV


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