Lexikon der Filmbegriffe

Norden: Bilder des Nordens

Die Imagination des Nordens (imaginatio borealis) ist auch ein in den filmischen Formen häufig auftauchendes Motiv. Wesentlicher Ausgangspunkt scheint immer wieder der Aspekt des „leeren Raums“ zu sein, der ein Feld für phantastische, imaginäre Konzeptionen und Entwürfe darstellt. Das Feld der Beispiele gliedert sich in einige Motivkreise auf: (1) der Sagenkreis der Wikinger und ihrer Eroberungen und Züge, (2) die Entdeckungsreisen des Nordens, (3) die Randlage des Nordens in den großen politischen Formationen – vor allem im Spionagefilm, (4) die eigenständige Kinderfilmproduktion, die den Lebensformen der skandinavischen Länder Ausdruck verleiht und auf entsprechende literarische Produktionen zurückgreift.
Das tendenziell heterogene Korpus weist einige strukturelle und thematische Gemeinsamkeiten auf: (1) die Leere des Raums als Ausgangspunkt jeder Poetologie des Nordens; Raum als Projektions- und Spielfläche, die Leere eines entgrenzten, nicht feststellbaren Raumes als Metapher existentieller Selbstbegegnung und -bespiegelung, eine fundamentale entnarrativisierende Tendenz; (2) abweichende Modelle der Zeit: Entdeckung der Langsamkeit als Bewegungsmodus und -tonus, Einfrieren der Zeit, Kristallisation der Zeit, Einfrieren der filmischen Aktion, der dramatischen Entwicklung, der Übergang zu fragmentarisierter Repräsentation von Erzählung und Handlung; (3) die Dominanz der Natur (als eines Unkultiviert-Natürlichen) in den Räumen des Nordens sowie die Begegnung mit Extremformen der Naturerfahrung (Mittsommernacht, Eis, Meer); (4) das Moment der Naturbegegnung aufgreifend entfaltet sich der Körper-Diskurs in der Landschaft.

Literatur: Vonderau, Patrick: Bilder vom Norden. Schwedisch-deutsche Filmbeziehungen, 1914-1939. Marburg: Schüren, 2006.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: MG HJW


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