Lexikon der Filmbegriffe

Trinkerfilm

auch: Alkoholismus im Film, booze movie, Dipsomanie im Film, Säuferfilm, Trunksucht im Film

Der klassische Trinkerfilm, der auf bis heute beispielhafte Weise das Martyrium des Alkoholikers in seiner ganzen Breite vorführt, ist Billy Wilders The Lost Weekend (USA 1945), der eine Suchtepisode vom Beginn bis zum – hier märchenhaften – Ende des Trinkens durchexerziert. Trinkerfilme gehören meist einer der großen Motivgruppen an:

(1) Viele Trinkerfilme zentrieren Paarbeziehungen, bei denen die Frau sich abwendet, zu helfen versucht oder mittrinkt und im schlimmsten Fall im Gegensatz zum Trinker nicht gerettet wird: Days of Wine and Roses (USA 1962, Blake Edwards); Under the Volcano (USA/Mexico 1984, John Huston); Ironweed / dt.: Wolfsmilch (USA 1987, Hector Babenco). In diese große Gruppe gehören auch Lifestyle- und Milieustudien wie Barfly (USA 1987, Barbet Schroeder), in denen der Suff als eine Lebensform beschrieben wird.
(2) In einer weiteren großen Gruppe werden Männerfreundschaften auf die Probe gestellt, wie in Le beau Serge / dt.: Die Enttäuschten (Frankreich 1958, Claude Chabrol), oder Freundschaften entwickeln sich erst, wie in Yoidore Tenshi / dt.: Engel der Verlorenen (Japan 1948, Akira Kurosawa), in dem der trinkende Arzt einen jungen Gangsterboss zu behandeln hat. Als Untergruppe können hier Filme mit Buddy-Motivik versammelt werden, eine Rolle, die insbesondere Dean Martin pflegte, der in den 1960er und 1970er Jahren in zahlreichen Filmen sein Image als versoffen-charmanter Playboy aufbaute, häufig zusammen mit Frank Sinatra, etwa in Marriage on the Rocks (USA 1965, Jack Donohue).
(3) Mit einem Alkoholproblem wird im Bereich der Filmindustrie, in der Schein und Sein ohnehin kaum eindeutig zu trennen sind, gelegentlich ein selbstreflexiver, ironischer Umgang gepflegt. John Barrymore etwa, der in der Not auch schon mal seiner Frau das Parfum wegtrank, übertrug sein Erscheinungsbild als ständig Betrunkener auf seine Film, so in Playmates (1941, David Butler) oder in The Great Profile (1940, Walter Lang). Und man denke an den als untherapierbar geltenden deutschen Schauspieler Harald Juhnke – mit dem Image eines saufenden „Publikumsliebling mit Herz“ –, der sich die Hauptrolle des handlungsreisenden Trinkers Erwin Sommer in dem TV-Film Der Trinker (1995, Tom Toelle; nach dem Roman von Hans Fallada) auflud.

Literatur: Cook, Jim / Lewington, Mike (eds.): Images of alcoholism. London: British Film Institute / Alcohol Education Center 1979. – Denzin, Norman K.: Hollywood shot by shot: Alcoholism in American cinema. New York: Aldine de Gruyter 1991. – Wulff, Hans J.: Drogen / Medien: Eine Bibliographie. In: Medienwissenschaft Kiel / Berichte und Papiere 7 (1999) [online: http://www.uni-kiel.de/medien/berdrogen.html]. - Wulff, Hans J.: Das verlorene Wochenende (The Lost Weekend, USA 1945, Billy Wilder): Notizen zur Beschreibung eines Films über einen Alkoholiker. In: Wiener Zeitschrift für Suchtforschung 7,3-4 (1984), S. 27-36; erw. Fassung als: Die filmische Analyse des Alkoholismus. Einige Anmerkungen zu Billy Wilders The Lost Weekend." In: ders. (Hrsg.): Filmbeschreibungen. Münster: MakS Publikationen 1985, S. 143-172.

Referenzen:

Amnesie

Spielerfilm

Trinkerfilm: Ätiologie und Phänomenologie


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK


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