Lexikon der Filmbegriffe

Genre

Genres lassen sich im kultursemiotischen Sinne als Sets kultureller Konventionen interpretieren. In dieser Sicht repräsentieren Genres zur Routine gewordene Erzählstrategien im Umgang mit „ideologischen Spannungen“ und Konflikten. Zugleich wird damit ein breites Spektrum ideologischer Funktionen eröffnet, die ein Genre haben kann. Was lässt es innerhalb seiner Grenzen zu, ist es ideologisches Regulativ, verhält es sich reaktionär, manipulativ oder subversiv usw. Nach Schatz (1981) handelt es sich bei Genres um die „Ritualisierung kollektiver Ideale“ und die Zelebrierung von zeitweilig gelösten sozialen und kulturellen Konflikten. Andere sehen Genres weitergefasst als komplexe kulturelle „Instanzen des Gleichgewichts“, d.h. als Prinzipien komplexer ideologischer Selbstregulation. Das Genre wird dann als historisch entstandene kodifizierende Institution der Filmkultur im Sinne einer regulierenden Beziehung zwischen Produzent und Rezipient aufgefasst, die Muster und Modi der Erzählung, ideologische Positionen und vor allem Rezeptions-Gratifikationen konventionellerweise festlegt.
Genres wird seit den 1910er Jahren des US-amerikanischen Kinos als ökonomisches Prinzip und zugleich als filmkulturelle Größe eingeführt. Die Genre-Bindung diente auf der einen Seite dazu, die Produktion von Filmen zu serialisieren und dadurch zu verbilligen. Genres basieren ursprünglich auf der Standardisierung arbeitsteiliger Produktionsprozesse. Sie sind ein Produktionsformat, die Genre-Konventionen ermöglichen die Rationalisierung der Herstellung. Der tritt das kommunikative Versprechen einer künftigen Lust- oder Unterhaltungserfüllung zur Seite. Das Genre-Etikett aktiviert schon in seiner Ankündigung (in Trailern, Programmzeitschriften etc.) einen jeweils spezifischen Erwartungshorizont und eine bestimmte Rezeptionshaltung. Gerade mit Blick auf die Rezeptionsforschung ist das Genre-Etikett als feste Verabredung oder Übereinkunft zwischen Produzent und Rezipient zu verstehen.
So besteht generell die Schwierigkeit, Film-Genres formal abzubilden oder als Textklassen zu definieren. Hierbei wird nach einem Invarianzraster oder Strukturmuster (Cawelti 1969) gesucht, so dass der jeweilige Film eines Genres lediglich als Variation des Schemas erscheint. Trotz des Eindrucks hoher Schemahaftigkeit, die klassische Hollywood-Genre-Filme und neuerdings viele Episoden aus Genre-Serien oft auslösen, weisen Genres dennoch ein hohes Maß an Flexibilität auf, unterliegen ständiger Verschiebung, variieren die vorgefundenen Muster immer weiter. Selbst für eine relativ begrenzte Periode lässt sich oft kein verbindliches Genre-Muster ausmachen. Genres tendieren zur Mischung, Genre-Kino ist in dieser Hinsicht ein Spiel mit Klischees, Mustern und Stereotypisierungen, die verändert, mit anderen verschmolzen, am falschen Ort oder im falschen Genre verwendet werden etc. Die Überlegung, bei einem Genre handle es sich um ein Korpus, eine Gruppe oder Kategorie ähnlicher Werke, deren Ähnlichkeit als das Teilen einer hinreichenden Zahl von Motiven definiert wird, besteht in der Praxis der Analyse und empirischen Verifizierung so nicht – trotz der Existenz von Filmgruppen, die unbestritten als Genres gelten. Selbst die Vorstellung, die sogenannten canonical stories – einflussreiche und stilbildende, da erfolgreiche Filme – etablierten Standards und verursachten ganze Reihen von Nachahmungen und bildeten als Prototypen den Kern von Genres, bleibt bei genauerer Besichtigung unbefriedigend.
Genre ist ein offen-texturiertes Konzept und erweist sich gerade in dieser Unbestimmtheit im Sprechen über Film als nützlich. Genres werden heute meist als diffuse (fuzzy) Kategorien behandelt oder sogar als konventionelle und regulierende Elemente der Beziehungen zwischen Kino und Publikum. Als Typifizierungen sind sie eine pragmatische Tatsache, eine Hilfe im Zugang zu und im Sprechen über Film. 

Literatur: Altman, Rick: Film / genre. London 1999. – Cawelti, John G.: Adventure, mystery, and romance. Formula stories as art and popular culture. Chicago, Ill. 1969. – Kaminsky, Stuart M.: American film genres. Approaches to a critical theory of popular film. Dayton, Ohio 1974. – Neale, Steve: Genre and Hollywood. London 1999. – Schatz, Thomas: Hollywood genres: Formulas, filmmaking, and the studio system. New York 1981.
 

Referenzen:

Cross-Genre

Gattung

Minigenre


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: HJW


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