Lexikon der Filmbegriffe

Verkantung

engl.: oblique angle shot, auch: canted camera, tilted shot, manchmal auch: unbalanced shot; Dutch angle shot; canted frame; Chinese angle; dt. selten: Schiefaufnahme

In der Normalform des Filmbildes ist der Horizont der vorfilmischen Welt der Horizont des Bildes. Auch Auf- und Untersichten – die zumeist aus dem Handeln der Akteure motiviert sind – beachten die Koordination der beiden Horizontlinien. Dagegen setzen sich die nach links oder rechts verkanteten Bilder deutlich ab. Die Bilder strahlen eine innere Unruhe aus, die meist semantisch genutzt ist. Als globale Strategie, eine Welt darzustellen, die moralisch und sozial instabil ist, wird immer wieder Carol Reeds The Third Man (1947) als Standardbeispiel genannt. Auch in Max Ophüls‘ Lola Montez (1953) ist die Verkantung dramaturgisch eingesetzt – gegen Ende gleitet die Kamera immer mehr in die Schräglage, je mehr sich die Situation der Heldin zuspitzt und je näher sie dem Tode kommt. Vor dem tödlichen Sturz aus der Zirkuskuppel schwankt das Bild sogar. In den meisten Fällen kommt so Spannung, Verwirrung und Gleichgewichtsverlust der erzählten Welt oder der Figuren zum Ausdruck. Verkantungen treten in point-of-view shots auch als Hinweise auf die subjektive Lage des Blickenden auf. Außerdem werden sie gelegentlich als Indikatoren für Rauschzustände verwendet. Erst in der Videoclipästhetik wird die Verkantung rein stilistisch eingesetzt und trägt keine eigene Information mehr.

Literatur: Die schräge Kamera [Themenheft]. In: Image: Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft. ULR: http://www.halem-verlag.de/shop/product_info.php/products_id/99
 

Referenzen:

Rollen

Schwanken


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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