Lexikon der Filmbegriffe

Direct Cinema: Dramaturgie

Die vorfilmische Realität wird im Direct Cinema nicht für die Kamera inszeniert; weil die Situation selbst formal und dramatisch gegliedert ist, kann sich der Film an diese Struktur anlehnen, sie zum eigenen Erzählen adaptieren. Darum auch verzichtet das Direct Cinema auf jeden Kommentar des Filmemachers.
Die Realdramaturgie des Direct Cinema garantiert spannendes Erzählen. Die Krise des Protagonisten muss irgendwie gelöst werden, und auch wenn der Ausgang des Geschehens ungewiss ist, bleibt die Situation doch überschaubar. Darin ähneln Filme des Direct Cinema den Dramaturgien der Hollywood-Filme. Man filmt Personen gern in einer Entscheidungssituation, Krise oder Prüfung, in der zudem der wahre Charakter der Person zu Tage tritt. Beispiele sind The Children Were Watching (1960), in dem es um Rassenintegration geht, und Crisis: Behind a Presidential Commitment (1963), der die Zulassung Schwarzer zur Universität von Alabama behandelt. Das Bemühen, schon im Vorfilmischen dramatische Konflikte aufzusuchen, ist dem Direct Cinema mehrfach als Vorliebe für spektakuläre Sujets aus Sport und Politik vorgeworfen worden. Das Verhältnis zum Sujet sei letzten Endes standpunkt- und kritiklos. 


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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