Lexikon der Filmbegriffe

Melodram

von griech. melos = Lied, drama = Handlung; auch: Melodrama

Im Zentrum melodramatischer Erzählungen stehen emotionale und innerseelische Konflikten der meist weiblichen Protagonisten, insbesondere die Widersprüche, Paradoxien und unaufhebbare Endlichkeit der sozialen Beziehungen. Familie, Liebe, Unterdrückung der Sexualität, Konflikte mit der repressiven Norm bürgerlicher und feudaler Gesellschaften stehen als problemhaft empfunden im Mittelpunkt. Fluchtpunkt des melodramatischen Dramas ist immer eine extreme Idealvorstellung der Hauptfigur (Selbstbestimmung, Freiheit, individuelles Glück etc.), so dass die Entwicklung auch ein Feld potentieller Emanzipation abschreitet, auch wenn der Verlauf der Geschichten gerade vom Scheitern jener utopischen Hoffnungen erzählt. Das Thema des Melodrams ist nicht der Gewinn oder der Wiedererwerb von Handlungsmacht der Figuren, sondern eine Leidensgeschichte, eine Erfahrung des Scheiterns.
Ursprünglich aus Literatur, Theater und Oper stammend werden dramatische Bedeutungen weniger in einer realistisch erzählten Handlung als in überhöhten, komplexen Symbolisierungen ausgedrückt, in ausgestellt heroischen Taten und Gesten, Zufallswendungen des Schicksals, durch die hindurch tieferliegende Probleme (Unsicherheiten, gesellschaftliche Determinierungen, soziale Nöte etc., ödipale Beziehungen, verdrängte Vergangenheiten und Traumatisierungen, patriarchale Hierarchien, Ketten von Ersatzhandlungen u.a.m.) trotz aller nicht-realistischen Oberfläche sichtbar werden. Das Melodram wurde schon in der Stummfilmzeit filmisch umgesetzt – die Ausgestaltung der Räume, das Dekor, Licht, Kamerabewegung, Strategien der Schauspielführung, der Einsatz der Großaufnahme und die besondere Ausgestaltung der Gestik und Mimik der Akteure waren spezifisch filmische Anpassungen der Geschichten an die filmische Form. Weil im Melodram just jene Errungenschaften, Fetische und Rituale in Frage gestellt wurden, die traditionellerweise in den von männlichen Werten dominierten Genres im Zentrum standen (Werte wie Erfolg, Macht, Geld, Krieg, Klassenschranken, Politik etc.), gelten die Melodramen als „Frauen-Genre“ – eben nicht allein aus dem Grunde, dass Frauen das bevorzugte Publikum der Kino-Melodramen sind und waren.
Das Melodram ist von Beginn an mit anderen Genres verbunden worden (so dass sich auch melodramatische Western oder Piratenfilme finden). Manchmal auch sind männliche Figuren das melodramatische Zentrum. Als Fortentwicklungen des Melodramatischen werden oft die TV-Seifenopern und -Telenovelas angesehen.

Bibliographie: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere, 69, 2007, URL: http://www1.uni‑hamburg.de/Medien/berichte/arbeiten/0069_07.html.
 

Referenzen:

melodrama of excess

Mutterdrama

romantic drama

Weepie


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: W KB


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