Lexikon der Filmbegriffe

Schwedenfilm

(1) Von der deutschsprachigen Filmkritik geprägter Begriff, der sich auf die Spielfilmproduktion des skandinavischen Landes bezieht. Der Ausdruck etablierte sich um 1921/22, als nach dem Fall eines kriegsbedingten Wareneinfuhrverbots innerhalb einer Saison über 20 abendfüllende Filme aus dem Norden in die deutschen Kinos kamen. „Schwedenfilm“ spielte zunächst nur auf die Herstellerfirma A.B. Svensk Filmindustri an, verbreitete sich aber rasch als Wortmarke, unter der bestimmte stilistische und kulturelle Qualitäten auch unabhängig von der jeweiligen Produktion und Filmform zu subsumieren waren. Bis Mitte der 1920er Jahre assoziierte vor allem das bürgerliche Publikum der Großstädte mit dem Qualitätsbegriff die klassischen Lagerlöf-Verfilmungen der schwedischen Star-Regisseure Mauritz Stiller und Victor Sjöström. Zentral für den Schwedenfilm galt die „Ineinanderverknüpfung von Mensch und Natur“, wie es in einer Besprechung der Licht-Bild-Bühne von 1924 heißt.
(2) In der frühen Nachkriegszeit erfährt das Konzept eine Umwertung. Ideen nordischer Naturverbundenheit werden nun auf den Körper und insbesondere die sexuelle Natürlichkeit (bzw. ihre „freizügige“ filmische Darstellung) ausgeweitet. Filme wie Hon dansade en sommar (Sie tanzte nur einen Sommer, Arne Mattson, 1951), Tystnaden (Das Schweigen, Ingmar Bergman, 1963) oder Jag är nyfiken (Ich bin neugierig, Vilgot Sjöman, 1967-1968) boten solchen Darstellungen einen künstlerischen Rahmen und ebneten damit (auch) den Weg für die spätere „Sexfilmwelle“ aus den skandinavischen Ländern.

Literatur: Schröder, Stephan M.: Mehr Spaß mit Schwedinnen? Funktionen eines deutschen Heterostereotyps. Berlin: Nordeuropa-Institut 1996, 36 S. (Arbeitspapiere „Gemeinschaften“. 3.). – Skretting, Kathrine: Filmsex und Filmzensur. Die ‚Bettkanten’-Filme in Skandinavien 1970-1976. In: Montage/AV, 2000,9,1, S. 47-62. – Vonderau, Patrick: Geheime Verwandtschaften? Der „Schwedenfilm“ und die Geschichte des Weimarer Kinos. In: Montage/AV, 9,2, 2000, S. 65-99. – Vonderau, Patrick: Wie in (k)einem Spiegel. Scandinavian 60s. In: Filmgeschichte 15, Sommer 2002, S. 19-24.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PV


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