Lexikon der Filmbegriffe

Gestalt: Gestaltgesetze

Gestaltgesetze (oder Gestaltfaktoren) sollen erklären, warum Gestalten als Elemente des Wahrnehmungserlebens sich gegenüber subjektiver Willkür und bloßer Reizkonfiguration stabil verhalten. Sie gelten als „Prinzipien des Zusammenhangs“ und sollen klären, welche Erscheinungen in welcher Weise als Einheiten im Fluss der Zeit erlebt werden. Gestalten bilden in räumlicher und zeitlicher Hinsicht die Bedingungen dafür, dass sich Ordnungen in der Wahrnehmung herausbilden können, die eine Orientierung für den Wahrnehmenden (also auch für den Zuschauer) ermöglichen können.
Mehrfach sind die Gestaltgesetze in heuristischen Listen zusammengefasst worden – Helson (1933) listet 114 Gestaltcharakteristiken auf. Als wichtigste gelten: (1) Gesetz der guten Gestalt – gestalthafte Wahrnehmungseinheiten bilden sich stets so aus, dass das Ergebnis eine möglichst einfache und einprägsame Gestalt darstellt; darum könnte man auch vom „Gesetz der Einfachheit“ oder von dem der „Prägnanz-Tendenz“ sprechen. (2) Gesetz der Geschlossenheit – nicht vorhandene Teile einer Gestalt werden in der Wahrnehmung ergänzt. (3) Gesetz der Gleichartigkeit – einander ähnlich sehende Elemente werden eher als zusammengehörig erlebt als einander unähnlich sehende. (4) Gesetz der Nähe – Elemente mit geringen Abständen zueinander werden eher als zusammengehörig wahrgenommen als solche mit großen Abständen. (5) Gesetz der guten Kurve – Elemente werden in einem Zusammenhang gesehen, wenn sie in einer guten Kurve angeordnet sind. (6) Gesetz der Symmetrie – in der visuellen Wahrnehmung tendiert der Wahrnehmende dazu, Spiegelungs- und Drehsymmetrien als Ordnungsmuster der Wahrnehmung zu konstruieren, in der akustischen Wahrnehmung zeigt sich entsprechend eine Tendenz zur Wiederholungssymmetrie oder zur Serialität. (7) Gesetz der Konvexität – jede gekrümmte Linie und jeder Winkel haben eine Innenseite und eine Außenseite; der von der Innenseite eingeschlossene Raum, auch wenn sie ihn nicht ganz einschließt, wird zur Figur. (8) Gesetz der Stabilität – Gestalten sind auch gegenüber Deformationen, partiellen Zerstörungen etc. ausgesprochen resistent; außerdem tendiert der Wahrnehmende zur Konstanzannahme, die wiederum für das Zustandekommen filmischer Kontinuität ausgesprochen wichtig ist. (9) Gesetz der gemeinsamen Bewegung – Elemente, die sich gleichmäßig bewegen bzw. verändern, werden als eine Einheit erlebt.

Literatur: Helson, Harry: The fundamental propositions of Gestalt Psychology. In: Psychological Review 40, 1933, S. 13-32. – Katz, David: Gestaltpsychologie. 4. Aufl. Basel/Stuttgart: Schwabe 1969.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JH


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