Lexikon der Filmbegriffe

Gestalt: Gestaltpsychologie

engl.: Gestalt; frz.: configuration, forme, structure, „gestalt“

Die Begriffe der Gestalt und des Gestaltgesetzes gehen auf die Gestaltpsychologie zurück (wichtige Vertreter sind u.a. Wolfgang Köhler, Kurt Koffka, Kurt Lewin, Wolfgang Metzger und Max Wertheimer), die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die Assoziationspsychologie und die elementaristische Wahrnehmungstheorie durchgesetzt hat. Ausgehend von Christian Ehrenfels‘ Untersuchung der Gestaltqualitäten (1890) wurden nicht mehr Assoziationsgesetze zur Verbindung atomarer Empfindungen oder Sinneseindrücke angenommen; vielmehr gingen die ‚Gestaltisten‘ von einer ursprünglichen Gliederung der Wahrnehmungsinhalte aus, die sie als Gestalten bezeichneten und anhand von Gestaltgesetzlichkeiten beschrieben. Eine Gestalt ist ein geschlossenes, in sich gegliedertes Ganzes, dessen Teile in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Eine Gestalt ist nicht als Summe der Kombination der Elemente zu verstehen, sondern verhält sich gegenüber den Teilen übersummativ. Gestalten (wie Melodien, Raumgestalten oder Gedanken) haben als Ganze spezifische Eigenschaften, die den Elementen nicht zukommen, und werden deshalb als selbständige Einheiten aufgefasst. Hinzu kommt, dass die Gestaltqualität nicht an die besondere Realisierung und ihre Reizwerte gebunden ist; eine Melodie bleibt auch dann erhalten, wenn sie in eine andere Tonhöhe, auf ein anderes Instrument etc. übertragen wird – Gestalten sind also transponierbar.
Die bekanntesten Gestaltgesetze sind das Gesetz der guten Gestalt, das Gestalt der Geschlossenheit, das Gesetz der Gleichartigkeit, das Gesetz der Nähe, das Gesetz der guten Kurve und das Gesetz der Symmetrie. Diese Gesetze verantworten, dass isolierte Reize immer zu Konstellationen zusammengeschlossen und eben als zusammenhängende Gestalten wahrgenommen werden. Am schärfsten wurde die Auffassung, dass die Gestalten zur physiologischen Organisation der Wahrnehmung gehörten, von der „Berliner Schule“ um Max Wertheimer vertreten (Wertheimer hatte 1912 auch die Bezeichnung „Gestaltpsychologie“ aus der Taufe gehoben). Durch Rudolf Arnheim gelangten Theoreme und Ansichten der Gestaltpsychologie, die selbst schon früh mit filmischem Stimulus-Material experimentiert hatte, in die Filmtheorie hinein.

Literatur: Ehrenfels, Christian von: Über Gestaltqualitäten. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie 14,3, 1890, S. 242-292. – Metzger, Wolfgang: Gesetze des Sehens. 2. Aufl. Frankfurt: Waldemar Kramer 1975. – Metzger, Wolfgang: Gestalt-Psychologie: Ausgewählte Werke aus den Jahren 1950-1982. Hrsg. und eingeleitet von Michael Stadler u. Heinrich Crabus. Frankfurt: Waldemar Kramer 1986.

Referenzen:

Figur und Grund

Kolorem


Artikel zuletzt geändert am 25.01.2012


Verfasser: KSH JH


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