Lexikon der Filmbegriffe

psychedelischer Film: Grundlagen

auch: psychodelischer Film; von altgriech. psyché ‚Seele, Verstand, Bewußtsein‘ + delos ‚deutlich, klar‘: Zustände erhöhter Sensibilität für sensorische Reize, oft begleitet von besonderer Euphorie und dem subjektiven Gefühl, sein Bewusstseins erweitert zu haben (‚expanded consciousness‘, ‚altered states‘), sowie Halluzinationen oder Sinnestäuschungen, aber auch negativen, Psychosen ähnelnden Erlebnissen („Horror- oder Höllentrips“). Kann durch die Einnahme spezieller psychotroper oder halluzinogener Substanzen wie Mescalin, Psylo(ci)bin, Ecstasy, LSD („Acid“) oder durch andere Drogen und Psychopharmaka ausgelöst werden.

Insbesondere die – überwiegend angelsächsischen – Beatniks, die Hippie-Kultur und Flower-Power-Bewegung der 1960er Jahre versuchten, angeregt durch Bücher wie Charles Baudelaires „Die künstlichen Paradiese“ (1860) oder Aldous Huxleys „Pforten der Wahrnehmung“ (1954, in dem Drogen als „religion’s chemical surrogates“ behandelt werden) oder durch die Kampagnen des Psychologen, Harvard-Dozenten und LSD-Apologeten Timothy Leary mittels drogeninduzierter psychedelischer Erfahrungen („Trips“) Transzendenz und Spiritualität zu erfahren. Künstlerische Ausdrucksformen wie Musik (Rockmusik: z.B. Jimmy Hendrix, The Doors oder die Merry Pranksters des auch als Schriftsteller und Psychiatrie-Kritiker bekannt gewordenen Ken Kesey), Malerei und auch der Film sollten derartige Erlebnisse nachzeichnen und vertiefen. Dabei griffen die Filme immer wieder auf Ikonografien des Horrors zurück – Figuren verlieren ihre Objektkonstanz, schwellen an, verändern die Form, transformieren zu anderen Figuren; Räume verlieren die Kontinuität, werden liquide oder nehmen andere Formen an; Figur-Grund-Beziehungen beginnen zu oszillieren und ähnliches mehr. Vor allem aber gehen sie auf die Formen- und Farbwelten des chinesischen Ying und Yang sowie auf die Kreisformen der indischen Mandalas zurück. Gerade die Farbsymboliken erwiesen sich als Symbolsprachen, die meist nur dem Filmemacher selbst verständlich sind. Das Realbild tritt gegenüber den fließenden, sich rasch verändernden Farbornamenten der psychedelischen Filme zurück. Die Bildwelten des Psychedelischen erwiesen sich als abstrakte Formenwelten, eine Kritik der kapitalistischen Produktions- und Lebensweisen war in ihnen nicht möglich – darum auch erhob sich früh eine politisch-ideologische Kritik dieser Art von Film.
Die grundlegenden transformationalen Beziehungen und metamorphotischen Prozesse in der psychedelischen Bildmotivik leben in der visuellen Kunst der Technokultur weiter.

Literatur: Masters, Robert E. L. / Houston, Jean: Psychedelic art. New York: Grove Press 1968. Dt.: Psychedelische Kunst. München: Droemer 1969. – Wees, William C.: Light Moving in Time. Studies in the Visual Aesthetics of Avant-Garde Film. Berkeley/Los Angeles/Oxford: University of California Press 1992, S. 123-152.

Referenzen:

Mandala-Filme

psychedelischer Film: Filme


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK JH


Zurück