Lexikon der Filmbegriffe

Ekphrasis

seltener auch: Ecphrasis; von altgriechisch: ekphráso = ‚genau erzählen‘, ‚genau beschreiben‘

Ekphrasis ist eine Beschreibungskategorie der antiken Rhetorik (und im Mittelalter unter der Bezeichnung descriptio loci et naturae eine beliebte kleine, aber selbständige literarische Gattung). Sie meint die verbal ausführliche, klare und deutliche, der rhetorischen Kunst gemäße, ästhetische und poetische Beschreibung eines (in der Regel visuellen) Kunstobjekts (z.B. eines Bildes). Gemeint sein kann auch die Beschreibung von Personen (etwa hinsichtlich ihrer moralischen Haltung, z.B. in Hagiographien), Handlungen (Schlachten, Jagden, Wagenrennen), Zeitpunkten (Krieg, Frieden), Örtlichkeiten (plastische Kunstwerke, Räume, Szenerien, paradiesische Orte / Loci amoeni - oder Orte des Schreckens / Loci terribiles wie Schlachten und Kriegsszenerien) oder Zeitabschnitten (Feste, Jahreszeiten, Epochen). Dabei ist für Ekphrasis charakteristisch, dass die gegebenen verbalen Beschreibungen auch szenische Auflösungen des Dargestellten beeinhalten, die zudem zu Verselbständigungen neigen. Ekphrastisch beschrieben werden können ebenfalls visuelle Erregungen des Geistes mit hohen bildhaften Anteilen wie Erinnerungen, Träume, Phantasien und Vorstellungen.
Im Zuge postmoderner Neuverwendungen hat sich Ekphrasis als transmedialisierendeVisualisierungsstrategie der Medien neu etabliert und meint dann sehr allgemein gefasst die visuell erzählende Re-Repräsentation einer verbalen Repräsentation einer nichtverbalen (visuell-haptischen) Repräsentation. In der Filmsemiotik ist diese Begrifflichkeit für filmisches Erzählen adaptiert worden. So zeigt die filmische Schilderung des thailändischen Inselstrandes in The Beach (USA 2000, Danny Boyle, nach dem gleichnamigen Roman von Alex Garland) eindeutig die Vorstellung des Paradieses als Hortus conclusus und damit einen ekphrastischen Locus amoenus, und ein Film wie Girl with a Pearl Earring (Großbritannien/Luxemburg 2003, Peter Webber) ist – bereits im Titel – als szenische Ekphrasis von Vermeers Gemälde angelegt. Auch Jacques Rivettes vierstündiger Malerfilm La belle Noiseuse (Die schöne Kupplerin, Frankreich 1991) folgt als Großversuch Bedingungen einer Ekphrasis des weiblichen Körpers. Dramaturgisch genutzt werden häufig, insbesondere in Filmen mit mythologischen und allegorisierenden Thematiken, Übergänge bzw. Verwandlungen vom Zustand des locus amoenus (Tierfriede, Bukolik, Familienidylle, paradiesische Lebensbedingungen) in den Zustand des locus terriblis (Chaos, Zerstörung, Krieg).

Literatur: Boehm, Gottfried / Pfotenhauer, Helmut (Hrsg.): Beschreibungskunst – Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. München: Fink 1995, 2. Aufl. 2001. – Halsall, A.W. / Gondos, Lisa: Art. „Descriptio“. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hrsg. v. Gert Ueding. Bd. 2. Tübingen: Niemeyer 1994, Sp. 549-553. - Wagner, Peter: Art. „Ekphrasis“. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hrsg. v. Ansgar Nünning. Stuttgart / Weimar: Metzler 1998, S. 112. – Wagner, Peter (ed.): Icons, texts, iconotexts: essays on ekphrasis and intermediality. Berlin [...]: de Gruyter 1996.

Referenzen:

Iconic Turn / Visualistic Turn

Intertextualität

semiotische Bildtheorie

Zeichentheorie


Artikel zuletzt geändert am 19.01.2012


Verfasser: LK


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