Lexikon der Filmbegriffe

Emblem / Emblematisierung

von griech. émblema „etwas Eingesetztes, Einlegearbeit, Intarsie“

Zeichentheoretischer, poetologischer, literaturwissenschaftlicher und kunstgeschichtlicher Begriff, der (insbesondere im 16. bis 18. Jahrhundert) ein spezielles typografisches, metaphorisierendes Inbeziehungsetzen von textuellen Verfahren und Bildelementen in einem lehrhaften „Sinnbild“ zur moralisch-ethischen Situation des Menschen in seiner Umwelt beinhaltet. Wird historisch auch für heraldische Kennzeichen bzw. Hoheitszeichen verwendet. Die Zuordnung der drei festen Bestandteile Überschrift (Motto, Inscriptio oder Lemma), Bild (Pictura) und Bildunterschrift (Subscriptio, Epigramm), zu denen noch ein auslegender Kommentar treten kann, ist oft verschlüsselt und verrätselt und bedarf fachkundiger Anleitung bei der Auslegung, wie sie die sogenannten Emblemata-Bücher bieten.
In der Filmanalyse wird das auf Multimedialität hin angelegte Konzept eher enthistorisiert, nichtterminologisch und weitgehend vage angewandt im Sinne einer fest typisierten, allgemein verständlichen visuellen und – eher fakultativ – auch typografische Elemente aufnehmenden Symbolisierung einer abstrakten Vorstellung. Dabei handelt es sich meist um eine Idee mit moralischem Anspruch, womit der Begriff in die Nähe der visuellen Allegorie gerückt wird (z.B. die Figur der Justitia mit Waage und Schriftzug als Emblem der Gerechtigkeit). Emblematisierung meint dann den Prozess, der ein filmisches Bild zu einem Emblem werden lässt, indem er eine eindeutige Beziehung zwischen Dargestelltem und moralisch-ethischer Bedeutung herstellt. So werden Hammer und Sichel zu einem Emblem für die Sowjetunion bzw. für kommunistische Herrschaft, die über Schlachtfeldszenen eingeblendete amerikanische Flagge samt einlaufendem Textband mit eingetippten Jahreszahlen o.ä. zu einem Emblem für den letztendlichen Sieg der Freiheit des Individuums und seiner westlichen Werte. Ebenfalls können Gegenstände des Alltags emblematisiert werden, wie z.B. die Axt, die der Protagonist bedrohlich schwingt, in Kubricks The Shining (USA 1980). Aber auch filmische Ganztexte können emblematische Funktion übernehmen, wie etwa The Maltese Falcon (USA 1941, John Huston) für das Genre des Film Noir und die Figur des Sam Spade oder Rocky (USA 1976, John G. Avildsen) für eine moralische Grundsituation des Boxerfilms.

Literatur: Harms, Wolfgang / Peil, Dietmar (Hrsg.): Polyvalenz und Multifunktionalität der Emblematik. Frankfurt/New York: Lang 2002. – Penkert, Sibylle (Hrsg.): Emblem und Emblematikrezeption. Vergleichende Studien zur Wirkungsgeschichte vom 16. bis 20. Jahrhundert. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1978. – Scholz, Bernhard F.: Das Emblem als Textsorte und als Genre. In: Zur Terminologie der Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Christian Wagenknecht. Stuttgart: Metzler 1989, S. 289-308. – Ders.: Emblem. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Klaus Weimar. Bd. 1. Berlin / New York: de Gruyter 1997, S. 435-438.
 

Referenzen:

Allegorie

Zeichen


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK


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