Lexikon der Filmbegriffe

Filmsemiotik

Obwohl die Rede von einer „Filmsprache“ schon in den 1920ern aufkam, wurde das Projekt einer eigenständigen „Filmsemiotik“ erst in den 1960ern gefasst. Es bildete am Ende einen äußerst wichtigen Schritt in der Formierung einer eigenständigen Disziplin „Filmwissenschaft“. Filmsemiotik trat nicht als eigenständiger Block auf, sondern bearbeitete verschiedene Fragen – nach der methodischen Maßgabe der strukturalen Sprachwissenschaft suchte man nach „kleinsten Einheiten“ und deren Komponenten, oder man suchte Strukturen der filmischen Auflösung auf Strukturen des menschlichen Handelns zurückzuführen, oder man suchte nach im Anschluss an die klassischen Montagetheorien Sequenztypen, die ihrerseits grundlegendes Material für filmische Signifikation bereitstellten. Eine der Sprachmetapher verpflichtete deskriptive Filmsemiotik spielte seit Mitte der 1970er keine zentrale Rolle mehr.
Heute lassen sich drei Modelle ausmachen, die explizit einer „Filmsemiotik“ zugerechnet werden können, allerdings nicht auf der Untersuchung der morphologischen und syntaktischen Strukturen aufruhen, sondern den pragmatischen Beziehungen zwischen dem Film, dem Filmemacher und dem Zuschauer gewidmet sind: Eine „Enunziationstheorie des Films“, in der ein Film auf den Akt, der ihn hervorbringt und der in vielfältiger Art und Weise im Film selbst manifestiert ist, zurückgeführt wird (Metz' hat sich dieser Theorie in den 1980ern zugewandt); eine „Transzendentalpragmatik des Films“ (in Anlehnung an die Theorie der Konversationsmaximen von H.P. Grice), die von Francesco Cassetti vorgeschlagen wurde und in der es darum geht, den „kommunikativen Kontrakt“ zu modellieren, der filmischer Kommunikation zugrunde liegt; eine „Semiopragmatik“, in der es um die Institutionalisierung filmischer Aussage- und Rezeptionsweisen geht, die vor allem im Kreis um Roger Odin bearbeitet wird.
Neben diesen Ansätzen steht eine Fülle von Einzeluntersuchungen zu Point-of-View und Rückblende, Genrestrukturen, filmischen Mitteln und anderem. Eine „Psychosemiotik des Films“, die einzelne Elemente und Niveaus der filmischen Form in Bezug auf die Denk- und Lernprozesse untersucht, in denen sie als zeichenmächtige Strukturen aufgebaut werden, nimmt neuerdings recht breite Aufmerksamkeit ein und ist nicht zuletzt dadurch, dass Bordwell eine Kognitionspsychologie des Films als Element einer integralen formalistischen Filmtheorie gefordert hat, ins Zentrum der Filmwissenschaft gerückt worden. 

Literatur: Knilli, Friedrich (Hrsg.): Semiotik des Films. München: Hanser 1971. – Metz, Christian: Semiologie des Films. München: Fink 1972. – Metz, Christian: Sprache und Film. Frankfurt: Athenäum 1973. – Metz, Christian: Die anthropoide Enunziation. In: Montage/AV 3,1, 1994, S. 11-38. – Möller, Karl-Dietmar: Filmsprache. Eine kritische Theoriegeschichte. Münster: MAkS Publikationen 1985. – Wollen, Peter: Signs and Meaning in the Cinema. London: Thames & Hudson 1969. – Wulff, Hans J.: Darstellen und Mitteilen. Elemente der Pragmasemiotik des Films. Tübingen: Narr 1999.
 

Referenzen:

diskursiv / präsentativ

fait filmique / fait cinématographique

Film-ABC

histoire / discours

Indexikalität

Realitätseindruck

Segmentierung

Semiopragmatik

Semiotik

Stoff

Syntagmatik (des Films)

Zaum

Zeichen


Artikel zuletzt geändert am 25.06.2012


Verfasser: HJW


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