Lexikon der Filmbegriffe

histoire / discours

dt. oft: Geschichte / Diskurs; auch: histoire / récit

Von dem französischen Sprachwissenschaftler Émile Benveniste im Rahmen seiner enunziationstheoretischen Untersuchungen zu den Tempusbeziehungen beim französischen Verb geprägte terminologische Unterscheidung zwischen einer berichtsrelevanten, „historisch-objektiven“ Ebene der Aussageweise (histoire) und einer gesprächsrelevanten Aussageform, der Ebene des „Diskurses“ (discours). Histoire ist dabei die „Darstellung von Tatsachen, die sich in einem bestimmten Augenblick ereignen, ohne irgendeine Intervention des Sprechers im Bericht“, während discours „jede Aussage“ meint, „die einen Sprecher und einen Hörer voraussetzt, und beim ersteren die Absicht, den anderen in einer bestimmten Weise zu beeinflussen“. Als Mischform nennt Benveniste noch die indirekte Rede.
Mit beharrlicher Energie hat Christian Metz diese Dichotomie – anknüpfend an die übergeordnete von énoncé / enonciation – für die Filmanalyse nutzbar zu machen gesucht und ist damit insbesondere bei der kognitiven Filmtheorie (Bordwell) auf Ablehnung gestoßen, weil linguistische Analogien nicht oder nur unter Kunstgriffen auf den Film Anwendung finden könnten. Festzuhalten bleibt aber, dass der unterschiedliche Gebrauch im Bereich von Tempus, Modus, Person, Personaldeixis, Pronominalität (1. und 2. Person beim Diskurs, 3. Person bei der Geschichte) manifeste Unterschiede in der Gestaltung der Kontrolle von Subjektivität und Intentionalität auch in einem filmischen Text durchaus beschreibbar macht und eine allgemeine Aussage wie diejenige, dass der traditionelle Film versuche, den Diskurs, d.h. seine Subjektivität, zu verschleiern, am Material belegbar werden lässt.
In den späten 1980er Jahren billigte Metz der Unterscheidung einen geringeren Stellenwert zu als zu den euphorischen Zeiten linguistisierender Filmsemiotik in den 1970er Jahren, beharrte jedoch weiterhin auf der Wichtigkeit und Brauchbarkeit der Grunddichotomie von énoncé / énonciation.

Literatur: Benveniste, Émile: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft [1966]. München: List 1974, S. 264-279. – Bordwell, David: Narration in the fiction film. Madison, Wisc.: The Univ. of Wisconsin Press 1985, S. 21-25. – Metz, Christian: Geschichte / Diskurs. In: Ders.: Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino [1977]. Münster: Nodus 2000, S. 73-78. – Metz, Christian: Die unpersönliche Enunziation oder der Ort des Films [1991]. Münster: Nodus 1997, S. 152ff.

Referenzen:

emplotment


Artikel zuletzt geändert am 30.07.2011


Verfasser: LK


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