Lexikon der Filmbegriffe

Polysemie

von dem französischen Sprachwissenschaftler Michel Bréal 1897 geprägter Terminus aus griech. polys ‚viel, zahlreich‘ + sema ‚Zeichen‘

In der linguistischen Semantik (Bedeutungslehre) ist mit Polysemie oder semantischer Mehrdeutigkeit das Phänomen gemeint, dass ein sprachlicher Ausdruck – ein Wort wie „Pferd“ oder „Wurzel“ – mehrere Bedeutungen aufweisen kann, die um einen gemeinsamen Bedeutungskern gelagert sind. Im Zuge der Semiotisierung der Kommunikationswissenschaften findet der Begriff auch Anwendung (z.B. durch John Fiske) in der Film- und Fernsehwissenschaft: Visuelle und akustische Bedeutungsträger können polysem sein, so dass divergierende Interpretationen durch verschiedene Betrachter möglich werden. Die Mehrdeutigkeit der Texte ist ein wichtiger Indikator nicht nur für unterschiedlich flexible Differenzierungsniveaus, die Individuen und Publika bei der Entschlüsselung von Kontexten für filmisches Material aufweisen (Fiske spricht von unterschiedlichen „Nutzungsvergnügen“ [pleasures]), sondern vor allem für unterschiedliche Interpretationssysteme der verschiedenen sozialen Bezugsgrößen (Klasse, Alter, Geschlecht etc.).
Jeder Text ist polysem in dem Ausmaß, wie die Menge seiner Bedeutungen von Gebrauchskontexten und Benutzern abhängig ist. Gleichzeitig schränken die unterschiedlichen Kontexte die Vielfalt der Bedeutungszuschreibungen ein. Polysemie in ihrer reinen Form kann darum nur als theoretische Größe angenommen werden, ohne dass deshalb aber die Existenz einer „eigentlichen“, verbindlichen Bedeutung unterstellt werden dürfte. Hinzu tritt eine historische Perspektivierung: Im Laufe der Zeit können bisher nur theoretisch mögliche Bedeutungen zu aktualen werden, andere, bisher geltende und möglicherweise sogar die von den Filmemachern intendierten können dagegen hinter neuen Kontextualisierungen zurücktreten oder verblassen.
Polysemie eröffnet die Spielräume, die notwendig sind, damit rhetorische Mittel wie Metapher, Metonymie, Synekdoche, Ironie und Witz textuell überhaupt nutzbar werden.

Literatur: Condit, Celeste Michelle: The rhetorical limits of polysemy. In: Critical Studies in Mass Communication 6, 1989, S. 103-122 [u.ö.]. – Fiske, John: Television: Polysemy and popularity. In: Critical Studies in Mass Communication 3, 1986, S. 391-408. – Tracy, James F.: Revisiting a polysemic text: the African American press’s reception of Gone With the Wind. In: Mass Communication & Society 4,4, 2001, S. 419-436 [über Reaktionen auf den Film von David O. Selznick und Victor Fleming von Dezember 1939 bis Mai 1940]. – Wulff, Hans J.: Mehrdeutigkeit als Problem der Fernsehtheorie. In: Fernseh-Theorien. Berlin: Edition Sigma 1992, S. 101-108.

Referenzen:

Ambiguität

Doppelkodierung

Family Entertainment Film

Mehrdeutigkeit


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: LK


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