Lexikon der Filmbegriffe

Semiotik

frz.: sémiotique, engl.: semiotics; oft unterschieden: eine auf Ferdinand de Saussure zurückgehende Semiologie (frz.: sémiologie, engl.: semiology) gegenüber einer auf Charles W. Peirce fundierte Semiotik

Semiotik ist die allgemeine Theorie und Wissenschaft von den Zeichen. Sie untersucht die Prozesse der Produktion und Interpretation von sprachlichen und nicht-sprachlichen Zeichen sowie die damit in Kultur und Natur verbundenen Kommunikations- und Interaktionsweisen, die Rolle von Zeichen in Wahrnehmungs- und Aneignungsweisen, die kulturellen Rahmen und Fundamente des Zeichengebrauchs. Sie behandelt Repräsentationsbeziehungen ebenso wie Zeichenprozesse. Nach dem Konzept von Charles Morris gliedert sie sich in die klassischen Bereiche Semantik – die Bedeutungsebene –, Syntax – die Zusammensetzung der Zeichen und die Beziehung der Zeichen zueinander – und Pragmatik – das Handeln mit Zeichen, ihr Gebrauch in sozialen und Erkenntnisprozessen.
Neben der „allgemeinen Semiotik“ als einer formalen Wissenschaft der Beziehungen signifikativer Gegenstände zueinander, zur Realität und zu Benutzern der Zeichen etablierte sich eine große Anzahl „spezifischer“ und „angewandter“ Semiotiken heraus (Architektur und Musik, nichtverbale Kommunikation und Literatur, Kulinarik und Design und anderes mehr), und schnell wurde deutlich, dass natürliche Sprache und Film zwei Gegenstände waren, die sich semiotischer Fragestellung anboten und dabei von solcher struktureller Verschiedenheit waren, dass sich allgemeine semiotische Fragen daran entwickeln könnten.
Die Tatsache, dass Zeichen, Bedeutungen, Sprachen, Repräsentationen Realität nicht eins zu eins fassen, beschreiben oder wiedergeben, sondern sie in einem nominalistischen Sinne konstruieren, hat auf die mythischen und ideologischen Funktionen des Semiotischen verwiesen. Insbesondere Roland Barthes hat sie in „Mythologies“ (1957/ dt.: 1964) untersucht: Er identifiziert darin die beiden Signifikationsordnungen der Denotation und der Konnotation, die wiederum eine dritte – die der Ideologie – entstehen lassen. Unter Denotation ist auf der ersten Ebene die einfache, buchstäbliche oder oberflächliche Bedeutung zu verstehen (z.B. der Euro als Währung). Konnotation meint die assoziativen und bewertenden Bedeutungen, die seitens der Kultur oder von Personen, die es verwenden, dem Zeichen zugewiesen werden (z.B. der Euro als Sinnbild für das Zusammenwachsen Europas). Zeichen aktivieren und produzieren dabei mythische oder ideologische Wissenskontexte, die ihrerseits wieder kulturelle Bedeutungen produzieren und die es den Zugehörigen einer Kultur ermöglichen, Realität als einen sinnhaften Welthorizont des Handelns und des Seins aufzufassen. Der wissenssoziologische Rahmen, der sich hier andeutet, ist für Filmtheorie und -analyse bis heute verbindlich geblieben.

Literatur: Bouissac, Paul (Hrsg.): Encyclopedia of Semiotics. New York: Oxford University Press 1998. – Noeth, Winfried: Handbook of Semiotics. Bloomington: Indiana University Press 1990. – Sebeok, Thomas A. (ed.): Encyclopedic dictionary of semiotics. Berlin [...]: Mouton de Gruyter 1986. Rev. and upd. 1994. – Buckland, Warren: The Cognitive Semiotics of Film. Cambridge, Mass.: Cambridge University Press 2000.

Referenzen:

Ähnlichkeitstheorie des Bildes

Ambiguität

Bildwissenschaft

diskursiv / präsentativ

Dispositiv

Doppelkodierung

Ekphrasis

Illustration

Indexikalität

Mehrdeutigkeit

perzeptuelle Ähnlichkeit / perzeptueller Realismus

Polysemie

Realitätseindruck

Semiosphäre

Semiopragmatik

semiotische Bildtheorie

Stoff

Symbolsystem: Goodman

Syntagmatik (des Films)

Vexierbild

Zeichen

Zeichentheorie


Artikel zuletzt geändert am 15.06.2016


Verfasser: AJS


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