Lexikon der Filmbegriffe

Symbolsystem: Goodman

Mit Bezug auf die frühen semiotischen Arbeiten von Peirce und Morris hat Goodman einen sehr differenzierten, die weitere Bildtheorie entscheidend prägenden, allgemeinen symboltheoretischen Ansatz entwickelt, der neben den erkenntnistheoretischen und metaphysischen Implikationen vor allem für die moderne Ästhetik eine wichtige Rolle gespielt hat (Steinbrenner 1996). Symbolsysteme beinhalten nach Goodman immer ein Symbolschema und ein Bezugnahmefeld. Das Symbolschema besteht aus den Charakteren – also den atomaren Einzelzeichen (z. B. Buchstaben) – und ihrer Beziehung zueinander. Ein Symbolschema besitzt mindestens zwei Charaktere, wie es beim binären Code der Fall ist, mitunter aber auch unendlich viele, wie das Beispiel der arabischen Bruchnotation zeigt. Die Charaktere können in unterschiedlicher Weise physisch realisiert werden. Goodman bezeichnet die jeweiligen physischen Realisationen – die Zeichenträger, die als Klassen zusammengefasst die verschiedenen „Charaktere“ bilden – als „Marken“ oder „Inskriptionen“. Alle Fragen zum Symbolschema gehören in den Bereich des Syntaktischen. Dagegen sind alle das Bezugnahmefeld betreffenden Fragen semantischer Natur. Diese haben vor allem das Verhältnis von Schema und Feld zum Gegenstand, also die unterschiedlichen Relationen, die zwischen den Elementen des Schemas und den jeweiligen Elementen des Bereichs, auf den Bezug genommen wird, bestehen.
Die wesentliche Aufgabe von Symbolsystemen liegt nach Goodman in der Bezugnahme oder Referenz. Eine Bezugnahme ist gegeben, wenn ein Zeichen als für etwas anderes stehend interpretiert wird und sich eine entsprechende Referenzbeziehung ausmachen lässt. Bezugnahme muss sich nicht auf einzelne konkrete Gegenstände richten, sie kann auch Gegenstandsklassen oder komplexe Sachverhalte betreffen. Goodman unterscheidet drei Formen der Bezugnahme: Denotation, Exemplifikation und Ausdruck. Der klassische Fall von Bezugnahme ist die Denotation, mit der anhand eines in der Regel komplexeren Ausdrucks ein Gegenstand bezeichnet wird. So verwenden wir den Ausdruck „Baum“, um auf Bäume Bezug zu nehmen. Die Exemplifikation funktioniert gewissermaßen in der umgekehrten Richtung. Indem eine Stoffprobe etwa als Muster dient, exemplifiziert sie einen Ausdruck, beispielsweise die Farbangabe „kobaltblau“. Es ist auch möglich, dass ein bestimmtes Zeichen das Etikett für einen Zeichentyp exemplifiziert. Velásquez’ Las Meniñas kann in dieser Weise verwendet werden, um den Ausdruck „Gemälde“ oder aber „Portrait“, „Familienportrait“ oder gar „Selbstportrait“ zu exemplifizieren. Die dritte Form der Bezugnahme, die insbesondere im Kontext der Ästhetik wichtig ist, bezeichnet Goodman als „Ausdruck“ und führt sie als eine spezielle Form der metaphorischen Exemplifikation ein. 

Literatur: Goodman, Nelson: Languages of Art. An Approach to a Theory of Symbols. Indianapolis: Hackett 1968; dt.: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Frankfurt: Suhrkamp 1997. – Sachs-Hombach. Klaus: Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildtheorie. Köln: Herbert von Halem 2003. – Scholz, Oliver R.: Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellung. Frankfurt: Klostermann 1991; 2., völlig überarb. Aufl. 2004. – Steinbrenner, Jakob: Kognitivismus in der Ästhetik. Würzburg: Königshausen und Neumann 1996.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: KSH


Zurück