Lexikon der Filmbegriffe

Allegorie

auch: Allegorik, Allegorisierung, Allegorese; von griech. allegoría „bildliche Rede, Erklärung“ (wörtlich „Anders-Rede“, von griech. allos „anders“ + agoreuein „reden, erklären“)

Modus des Symbolischen. Erzählung (Geschehens- oder Handlungsallegorie) oder Beschreibung (Beschreibungs- oder Konstruktionsallegorie), wobei neben dem „wörtlichen“ oder „buchstäblichen“ Verweisungszusammenhang, einer ersten oder direkten Bedeutung („Literalsinn“), eine andere, „uneigentliche“, von der ersten deutlich unterscheidbare, willkürlich und absichtsvoll herbeigeführte, kodifizierte und somit regelgeleitet rückübersetzbare „tiefere“ Bedeutung vorhanden ist oder zugewiesen werden kann. Der Gebrauch von Allegorien soll i.d.R. Reflexion über moralisch-ethische Zusammenhänge auslösen. Ein elementares Gestaltungsmittel ist dabei die Personifikation (z.B. der Tod als Schnitter).
Filmische Allegorien – in ihren prozessualen Verlaufsformen und episodalen Erzählstrukturen – dienen dazu, historische und zeitaktuelle Situationen zu visualisieren und dabei einen übertragenen, verschlüsselten oder gar verrätselten Bezug auf politische, allgemein gesellschaftliche und moralisch-ethische Konfliktstrukturen oder situative Befindlichkeiten außerhalb der eigentlichen Filmhandlung herauszuarbeiten. Von zentraler Bedeutung ist die historische oder Geschichts-Allegorie, an der sich politische und nationale Allegorien ausrichten, die häufig eine Protesthaltung, z.B. gegen Krieg oder soziale Ungerechtigkeit, zum Ausdruck bringen. Poststrukturalistische bzw. postmoderne Wissenschaftsausrichtungen wie Cultural Studies, Postkoloniale Studien und Gender Studies haben die Untersuchung filmischer Allegorisierungen auch in den Bereich von feministischen und sexologischen Bedeutungshorizonten befördert.
Als auch im älteren Sinne streng allegorisch (einschließlich des Schachspiels und der Personifikation des Todes) ist Ingmar Bergmans Det sjunde Inseglet (Das siebente Siegel, Schweden 1957) gesehen worden. Weitere Beispiele: La Règle du jeu (Die Spielregel, Frankreich 1939, Jean Renoir) mit seiner Jagd-Allegorik; Das Testament des Dr. Mabuse (D 1933, Fritz Lang) als Allegorisierung des heraufdämmernden Nationalsozialismus; The Company of Wolves (Zeit der Wölfe, GB 1984, Neil Jordan), an der Oberfläche eine Filmversion des Märchens vom Rotkäppchen, als bis in den Einzelbildaufbau durchgängige Allegorisierung des Erwachens der Sexualität bei einer Heranwachsenden; Eyes Wide Shut (USA/Großbritannien 1999, Stanley Kubrick) als freudianische Allegorie.

Literatur: Bhaskar, I.: Allegory, nationalism and cultural change in Indian cinema: Sant Tukaram. In: Literature and Theology 12,1, 1998, S. 50-69. [Sant Tukaram, Indien 1936, V. G. Damle & S. Fattelal]. – Helman, Alicja, et al.: Some remarks on the application of Ingarden's theory to film studies. In: Tymieniecka, Anna-Teresa (ed.): Allegory revisited: ideals of mankind. Dordrecht/Boston: Kluwer Academic Publishers 1994, S. 377-398. – Knaller, Susanne (ed.): Reformulating allegory: literature, theory, film. In: The Germanic Review 77,2, 2002, S. 83-163. – Lim, Bliss Cua: Dolls in fragments: Daisies as feminist allegory. In: Camera Obscura 16,47, 2001, S. 37-77 [Sedmikrasky, Tschechoslowakei 1966, V. Chytilová].
 

Referenzen:

Emblem / Emblematisierung

Fabel (1)

Fabel (2)

Fabel und Sujet

Fabel: Gattung

Parabel

politische Allegorie

Satire

Subtext: Texttheorie


Artikel zuletzt geändert am 05.01.2012


Verfasser: LK


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