Lexikon der Filmbegriffe

Interview

Das Interview ist eine unverzichtbare Methode der journalistischen Recherche, und es ist eigenständige journalistische Darstellungsform. Es werden drei Arten unterschieden: (1) Das Interview zur Sache, das Informationen über Fakten vermitteln will, (2) das Meinungsinterview, das eine (meist prominente) Person nach ihrem Urteil über ein Ereignis oder einen Sachverhalt befragt, und (3) das Interview zur Person, das einen Menschen durch seine Antworten skizzieren will. Interviews als eigene journalistische Gattung finden sich heute fast ausschließlich im Fernsehen (z.B. Zeitzeugen, Zur Person etc.).
Bei manchen Sujets dokumentarischer Arbeit ist auf das Interview kaum zu verzichten – wenn man das Historische zu sichern sucht, so findet man es am einfachsten in den Äußerungen von Zeitgenossen, mit allen Glättungen, Verstellungen, Dramatisierungen und Beschönigungen, die den Umgang mit einst Zugestoßenem erträglich machen. Manche (wie Eberhard Fechner oder Marcel Ophüls) konzentrieren sich ganz auf die „talking heads“ erzählender Zeitgenossen, im Extremfall sogar auf die Unterstützung ihrer Erzählung durch historisches Material verzichtend. Auch der Kompilationsfilm, der das Material der Archive zu erschließen sucht, ist seit den späten 1960ern und der Abwanderung der Gattung ins Fernsehen ohne die Köpfe von Zeitgenossen, die das Geschehen im Gespräch ausbreiten, kaum mehr denkbar. Doch nicht nur das „Kino der Geschichte“, sondern auch das „Kino der Fremde“, das sich allen Facetten des Fremden in seinen ethnischen, historischen, kulturellen und subkulturellen, religiösen und künstlerischen Erscheinungsformen widmet, ist auf das Gespräch mit den Teilnehmern dieser Kultur angewiesen, müssen doch die „inneren Sichten“ des Geschehens verstanden und dargestellt werden. Die Frage der Deutungs- und Bedeutungsmacht – der Interviewte unterwirft sich der sozialen und symbolischen Rolle des Fragenden (Effekt der „sozialen Erwünschtheit“), der Interviewte arrangiert die erfragten Informationen nach dem eigenen Vorurteil – ist auf allen Ebenen der Produktion zu reflektieren. – Einzig der „beobachtende Dokumentarfilm“ verzichtet bis heute radikal auf die Kommentare von Zeugen und Beteiligten, konzentriert sich ganz auf die Beobachtung laufender Ereignisse.

Literatur: Friedrichs, Jürgen / Schwinges, Ulrich: Das journalistische Interview. Opladen: Westdeutscher Vlg. 1999. – Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. 3., überarb. Aufl. Konstanz: UVK 2001. – Wossidlo, Joachim / Roters, Ulrich (Hrsg.): Interview und Film. Volkskundliche und Ethnologische [!] Ansätze zu Methodik und Analyse. Münster [...]: Waxmann 2003.
 

Referenzen:

Footing


Artikel zuletzt geändert am 29.05.2012


Verfasser: HJW


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