Lexikon der Filmbegriffe

Bricolage

Bricoles sind in der französischen Umgangssprache Nebensächlichkeiten, eher unwichtige Kleinigkeiten, und das Verb bricoler bedeutet „basteln“; von daher bricolage in der Bedeutung „Basteln, Heimwerken, auf eigene Faust kleinere Reparaturen ausführen“.
Der französische strukturalistische Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat Bricoleur als Gegenbegriff zum Ingenieur verwendet, um damit zwei unterschiedliche Denkansätze im Umgang mit Natur, Kultur und Mythos zu kennzeichnen: Während der Ingenieur planmäßig und rational an seine Arbeit geht und die richtigen Spezialwerkzeuge einsetzt, nimmt der Bricoleur-Bastler alles, was ihm irgendwie zuhanden ist, um es zu seinen Zwecken als Werkzeug umzufunktionieren und einzusetzen, ohne sich um die Verwendung, die den Teilen eigentlich zugedacht war, zu scheren. Seine Produktionsmethode ist auch nicht massenmediale Vervielfältigung, sondern besteht aus phantasievoller Improvisation, kreativer Behelfsmäßigkeit, eklektischer Resteverwertung von Angesammeltem (Abfall-Ästhetik) und Herstellung von Unikaten aus Präexistentem.
Mit Bezug auf den Film haben sich zwei hauptsächliche Verständnisweisen des Begriffs ausdifferenziert: (1) Bricolage angewandt auf die Frühzeit des Films meint die Tätigkeit des selbstbewussten technischen Pioniers, der sich technische Geräte erst selbst herstellen muss oder aus ganz anderen Zusammenhängen für seinen Film zweckentfremdet oder umbaut (etwa Stanzen für Briefmarkenränder als Perforiergeräte fürFilm).
(2) Im Bereich von Mediensoziologie, Kulturtheorie/Cultural Studies und Postkolonialen Studien hat man in den 1980er Jahren einen Begriff von Bricolage entwickelt, der aus narratologischen Konzepten Genettes und der dekonstruktivistischen Kritik Derridas aus den 1970er Jahren schöpft und den Ausdruck in das Feld von Hybridität, des Subalternen, der Diversität und Fragmentation, von historischer Anleihe, Anspielung und Zitat, von Intertextualität und Genremix stellt und sich im Bereich des Films auf der Folie des Protestfilms, des Konzeptkinos und der Anti-Kunst der 1960er und 1970er Jahre verstehen lässt. Dadurch gelangt man zu Feststellungen, die beispielsweise ein postkoloniales Kino wie das vietnamesische als Bricolage bezeichnen, da es keine Auteurs aufweist. Im Bereich der Analyse von Subkulturen ist der Ausdruck entsprechend metaphorisierend auf jene ironischen Verwerfungen angewendet worden, die zwischen dominanter Kultur und Subkultur sichtbar werden. Richard Dyer hat so auf schwule Interpretationen des heterosexuellen Mainstream-Kinos verwiesen, und auch die Camp-Lesarten der Filme Pedro Almodóvars lassen sich auf das „Brikolieren“ beziehen.
(3) Gelegentlich findet sich der Begriff ähnlich verwendet wie ‚Collage‘ und ‚avantgardistische Montage‘.

Literatur: Brooker, Peter: A glossary of cultural theory. 2nd ed. London: Arnold 2002, S. 21-22. – Chanan, Michael: The dream that kicks: the prehistory and early years of cinema in Britain. 2nd ed. London: Routledge 1995, S. 49-55. – Kuester, Martin: Bricolage/Bricoleur. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kultureorie. Stuttgart/Weimar: Metzler 1998, S. 59. – Kohn, Nathaniel / Lee, Y.S.: Faces/off: challenges to postcolonial theory along the Hong Kong-Hollywood axis. In: Cultural Studies / Critical Methodologies 1,3, 2001, S. 335-354.

Referenzen:

Camp

Collagefilm

Intertextualität

Montage

Parodie

Post-colonial Studies


Artikel zuletzt geändert am 14.01.2012


Verfasser: LK


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